Von verpennten Flügen und phantastischen Ferien

Drei Wochen Ferien landen in meinem Reiserucksack, der eigentlich Karlo gehört, und Lara und ich machen uns am 15.09, nach der Schule mit so wenig Gepäck wie möglich auf den vierundzwanzigstündigen Weg nach Mumbai, um Gunjan einen Besuch abzustatten.

Eine gute, reisetechnisch erste Zugfahrt liegt hinter uns, als wir freudig Gunjan in die Arme schließen können, der gerade von einem Trip durch Europa wiederkommt. Natürlich können wir uns da über vieles austauschen – als wir auch schon los müssen, um Laras Freund Ben, der gerade auch mit dem ICJA einen Freiwilligendienst in Kenia macht, vom Flughafen abzuholen. Der Ben hat einen sehr guten Blog: denkeweltwärt.wordpress.com – er ist äußerst vorbeischauungswürdig.

Schon bald müssen Lara und Ben weiter, während ich die Zeit mit Unterhaltungen, Gitarrespielen und Malen rumbringe, bis ich am Donnerstagmorgen, den 21.09., meinen Flug nach Guwahati nehmen möchte.

Wie vielleicht schon der alliterationistische Titel vermuten lässt, habe ich verschlafen. Irgendwie meinte mein Schlafzentrum wohl, mir den Dienst verweigern zu müssen. Genau um 07:25 Uhr, der Moment, an dem mein dreieinhalbstündiger Direktflieger nach Guwahati abheben sollte, schaue ich auf mein Handy, um die Uhrzeit zu checken. Nach ein wenig Stresserei, dem Wachklingeln meiner Eltern mitten in der Nacht, vielen Missschlägen von Kredit- und Masterkarten, schaffe ich es durch Louise mit Theas und natürlich auch Gunjans Hilfe endlich, einen Alternativflug für Freitagabend, den 22.09. zu buchen.

Ich befinde mich auf dem Beifahrersitz von Gunjans Motorrad, im Stau. Der weiße Bart des Mannes auf dem Scooter neben uns an der roten Ampel ist so nah, dass ich ihn kraulen könnte. An anderer Stelle stehen zwei Männer hinten auf einer Ladefläche eines Lasters, der Milchkannen transportiert, und trinken Chai. Später höre ich, wie ein Junge von einem Stück Zuckerrohr abbeißt, und drehe mich verwundert danach um. Ein Stau ist nie langweilig, so vieles passiert.

Auf der Rückfahrt, nachdem wir einen Freund, der von Beruf Pilot ist, zu seiner Geburtstags- und Abschiedsfeier, weil er auf die Malediven zieht, besucht haben, ist der Flyover leer. Die Stadt zieht langsam dahin und ich ziehe die Nachtluft in meine Lungen und fühle mich wie ein glücklicher Hund.

Louise ist derzeit schon in Guwahati, gesundheitlich etwas angeschlagen, als ich dann durch die Nacht gebraust, gegen elf Uhr am Samstag, den 23.09. bei ihr im Hotel auf der Matte stehe. Die Wiedersehensfreude ist groß. Zusammen machen wir uns auf den Weg zu einer sehr netten Couchsurferfamilie. Wir essen gut, machen eine Bootstour über den Brahmaputra und besichtigen zu Dasara-Festivitäten den Durga-Tempel auf einem Hügel. Durga ist die Göttin des Krieges und des Blutes. Als sie gestorben ist, haben sich ihre Körperteile über ganz Indien verstreut – ihre Vagina ist dabei in Guwahati gelandet.

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Darüber, dass es sich um den Vagina-Tempel handelt, hat allerdings keiner geredet.

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Viele Blumen hat sie da.

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An einem Tor war diese süße Babyziege angebunden, und Deep, unser Couchsurfer, hat für ein fröhliches Bild mit ihr stillgestanden. Was er uns danach erzählt hat: Auf dem Tempelgelände werden viele viele Ziegen der Göttin Durga geopfert – wahrscheinlich musste diese Babyziege das auch erwarten.

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Ein heiliger Mann lässt sich in einem Wasserbecken im Tempel treiben und liest, die zweite Hand erhoben, um mit trockenen Fingern umblättern zu können. 

Wir freunden uns mir der elfjährigen Nichte des Couchsurfers an, die exzellentes Englisch spricht und gerne One Direction hört. Ich schreibe ihr die Melodie für ein Lied auf der Gitarre auf, und freue mich, ihre Spielversuche abends vom Schlafzimmer aus zu hören, während Louise und ich unter dem großen Moskitonetz liegen, dass eigens für uns aufgespannt wurde.

Wir wurden sogar eingeladen, zusammen nach Nagaland, einen weiteren Bundesstaat der Seven Sisters, zu reisen. Letztendlich hat das zeitlich leider nicht funktioniert. Dennoch hatten wir eine sehr gute Zeit, hatten gutes Essen und haben Musikvideos aus Assam angeschaut. Wir haben auch viel Tee getrunken; keinen Chai, sondern Grün- oder Schwarztee, direkt aus der Region.

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Auf der Rückfahrt von der Bootstour wurde ein Kreisverkehr mit diesen Lampions geschmückt. 

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Auch im Nordosten wird Dasara gefeiert. Wir sind oft durch diese Tore aus Lichterketten gefahren, als wir in Guwahati waren.

Am 25.09. ging es für uns weiter nach Meghalaya, was unterhalb von Assam liegt. Auf Hindi bedeutet ‚Meghalaya‘ „Home of clouds“. Wir fahren mit einem Bus über Shillong, die größte Stadt Meghalayas, mit einem shared-Taxi weiter nach Cherrapanjim, wo wir nachmittags ankommen. Unser Taxifahrer hat ununterbrochen Paan gekaut. Das ist Kautabak, der mit Gewürzen zusammen in ein Blatt eingerollt und in den Mund gesteckt wird. Wenn man zum Beispiel in Bangalore auf die Wände der Unterführungen achtet, sieht man lauter rot-bräunliche Spritzer an der Wand und auf dem Boden, die allesamt vom Ausspucken des Paans kommen. Oben im Nordosten haben wir viele Leute gesehen, deren Zähne ganz rot vom Paankauen waren.

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Ich hoffe, Louise ist nicht böse, dass ich dieses Bild hochlade. Aber unsere Freude wird hier sehr gut dargestellt.

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Die Aussicht, als wir Pause gemacht haben, weil der kleine Junge, der auch im shared-taxi saß, mal pullern musste.

Ich bin überrascht von den Englischkenntnissen der Locals. Ein alter Mann zum Beispiel, der uns auf der Straße angesprochen hat, weil wir etwas verloren auf einer Straße standen. Er war uns eine gute Hilfe, was das Finden eines Hostels anging, und ich war sogar noch überraschter, als er wusste, dass in Deutschland gerade die Wahlen stattfinden. Unsere Wahlzettel sind bedauerlicherweise nicht mehr rechtzeitig angekommen, um noch eine Stimme abzugeben.

Durch den Rat des alten Mannes nehmen wir ein weiteres shared-Taxi – generell war dies eines unserer Hauptverkehrsmittel – zur Petrol Pump, wo ein gutes Hostel sein soll. Ich finde es sogar auf Maps, wo ein Foto eine Hauswand zeigte, auf der stand, dass das Hostel nur 250 Rupien pro Person kosten soll, was umgerechnet etwa 3,50 € pro Nacht sind.

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Die Hauptstraße Cherrapanjims.

Wir haben viel von Cherrapanjim gehört, aber dort, wo wir rausgelassen wurden, war nicht mehr wirklich eine Stadt, sondern mehr eine große Straße, die sich dann in einer Y-Gabelung aufteilt. Wir finden das Hostel, und sogar die Wand von dem Foto auf Google Maps – die inzwischen allerdings überstrichen ist. Es ist uns möglich, in die Zimmer hineinzuluken, da die Türen offenstanden. Keine Fenster, dunkle, kleine Kabinen. Den Owner finden wir nicht, also gehen wir die Straße entlang und fragen bei dem Hostel daneben nach den Zimmerpreisen. Auf dem Weg sind drei Leute dabei, Unkraut auszurupfen. Einer der Drei hat Dreadlocks, also erlaube ich mir, ihm diese im Vorbeigehen zu komplimentieren. Er bedankt sich verwirrt.

Das Hostel daneben war uns mit 1000 Rupien zu teuer, also gehen wir wieder zurück und klingeln bei dem Haus, was hinter dem dunklen Hostelkomplex liegt, in welchem sich im ersten Stock Geschäfte befinden. Eine alte Frau in traditioneller Kleidung macht uns auf. Sie trägt über Kurta und Tulida ein großes, kariertes Tuch, was an der einen Schulter von zwei ovalen Holzknöpfen zusammengehalten wird. Als wir nach dem Besitzer des Hostels fragen, verschwindet sie kurz und kommt mit dem Mann, dessen Dreadlocks ich kurz zuvor noch bewundert habe, wieder zurück. Was ein Zufall, denken wir uns.

Ich habe bis jetzt die Erfahrung gemacht, dass Leute mit Dreadlocks grundsätzlich sympathisch sind, und nun wird diese Theorie völlig über den Haufen geworfen: Als wir fragen, ob wir das Zimmer sehen dürfen, sagt er schlichtweg „Nein. Ihr seid Rucksacktouristen, ihr habt wenig Geld und müsst nehmen, was ihr kriegen könnt. Ich lasse euch das Zimmer nicht ansehen.“ Wir sind etwas bestürzt. Ich frage ihn, ob die Betten denn sauber seien, worauf er wortwörtlich antwortet: „I think my toilet is cleaner than your mouth.“ – Seine Toilette ist sauberer als mein Mund? Wir sind sehr bestürtzt, beraten uns kurz und sagen, wenigstens eine Nacht zu bleiben, um jetzt nicht noch weiter nach einem Zimmer suchen zu müssen.

In der Erwartung, zu einem der vorderen, dunklen Zimmer geführt zu werden, folgen wir ihm nur zögernd über den kerzengeraden Betonpfad der hinter das Wohnhaus, zwischen Pflanzen und Büschen zu einer kleinen, süßen Holzhütte führt. Auf dem Weg sagt er uns, dass er auch mal Gemeinschaftsräume hatte, aber ihm zu viele Leute kamen, die nur Party gemacht und Drogen genommen haben. Er sagte sogar, dass er keine Israelis mehr nehme, eben aus diesem Grund. Seine Einstellung, alle Israelis über einen Kamm zu scheren, erschreckt uns. Als er dann eines der beiden Zimmer aufschließt, sind wir überrascht, ein sauberes, gemütliches Zimmer zu sehen. Es gibt ein Doppelbett, einen Schreibtisch mit Stuhl und ein Bücherregal mit ziemlich überzeugendem Inhalt. Ich entdecke das Buch Shantaram, den dicken Wälzer über einen Australier, der aus einem Gefängnis ausbricht und in Mumbai Fuß fasst, und frage den Hostelbesitzer nach seiner Meinung zu diesem ausgezeichneten Buch. „Ach, nur eine weitere, langweilige Sicht eines Ausländers auf Indien.“ Achso. Entschuldigung, dass ich gefragt habe(, aber dieses Buch ist der Wahnsinn).

Mein Plan war es, den Reiseblog kurz zu halten, aber ich kann es nicht über mich bringen, die Details zu verschweigen.

Ich frage ihn also nach seinem Lieblingsbuch aus dem Regal, und er zeigt auf die Evolutionstheroie von Darwin.Na gut.

Ich nehme Schuhe mit, als ich auf die kleine, außenstehende Klokabine gehe, was sich als unnötig herausstellt. Die Toilette war wirklich wahnsinnig sauber, vermutlich eines der saubersten Hockklos, was ich je in Indien gesehen habe. Dann kam der Durchfall. Der begleitet mich schon seit Mumbai, und ich habe keine Ahnung, was ihn verursacht hat. Ich hatte sogar ein schlechtes Gewissen, als ich das Klo verlassen habe.

Der Dreadkerl hat uns tatsächlich noch ziemlich gute Tipps gegeben, was wir in der Umgebung anschauen können.

Am Morgen des nächsten Tages haben wir unseren Nachbarn kennengelernt, Elliot aus Wisconsin, Vereinigte Staaten von Amerika. Wir gehen zusammen frühstücken und verstehen uns sehr gut. Er gibt uns eine Wegbeschreibung zu einem Wasserfall, der in Fußreichweite ist.

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„Benutze mich“, sagte der Mülleimer und sprach die Natur an, „benutze mich und verwandele den Mist in mir in etwas Schönes.“

Ich habe es noch gar nicht erwähnt, aber die Landschaft ist wahnsinnig schön. Cherrapanjim, was auch „the abode of clouds“ genannt wird, war ziemlich grau, und nicht selten wegen der Wolken komplett vernebelt. Aber allein die Fahrt von Shillong nach Cherrapanjim hat uns so viel landschaftliche Abwechslung gezeigt. Der Bundesstaat Meghalaya ist auch als „das Schottland Indiens“ bekannt. Wir sind über weite Felder gefahren, vorbei an weißen, weichen, buschigen Farnen und dann an Bergen, Steilhängen und Wäldern. Wunderschön.

Die Seven Sister Waterfalls befinden sich im Eco-Park, für den man zehn Rupien Eintritt bezahlen muss. Das hat sich mehr als gelohnt, der Wasserfall war wunderschön, ich hätte dort Stunden sitzen können, dem Wasser beim Fallen zuhören und die Aussicht genießen können. Ein grünes Tal, Bäume weit und breit. Ein Paradies. Bevor das Wasser in Massen herabreißt, hat es sich einen kleinen Pfad durch den Felsen geschlagen. Rundherum knöcheltiefes Wasser und mittig in diesem stillen Pool eine strömende Unterwasserschlucht. Die Kraft der Natur ist wahnsinnig cool.

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Neben der Straße.

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Ich, unscharf, wie ich einen Punkt in der Ferne mit der miesen Handykamera festhalte. Als gäbe es nichts besseres, was man an solch einem Ort machen kann.

Eine Brücke hat über diese Art Fluss geführt, darunter an Seilen befestigte Metallstangen, mit einem Schild was sagt: „Keine Menschen hinter diesem Punkt erlaubt.“ Alle Leute sind hinter der Absperrung, ich bin froh, in Indien, dem Land des Regelnbrechens, zu sein, und nicht in Deutschland. Diese Freude begleitet außerdem auch den kompletten Urlaub.

Als wir uns auf den Rückweg machen, kommt ein Sicherheitsmann von dem Park und schickt die Leute hinter die Absperrung – da sind wir wohl gerade im richtigen Augenblick gegangen.

Dann schauen wir uns noch Höhlen an, die wir auch fußläufig erreichen konnten. In der Höhle ist es dunkel, die Decke tropft und wir befinden uns irgendwie inmitten einer großen Gruppe aus Leuten, sodass die Höhle etwas an Wirkung verliert. Wohl habe ich mich da zwischen den Felsen nicht gefühlt, das kann ich sagen.

Außerhalb von der Höhle sind einige Restaurants, und wir haben einen unserer vielen Shots von lemon tea. Neben dem Parkplatz (wir waren die Einzigen, die den Weg gelaufen sind) war ein Spielplatz mit zwei Schaukeln, einem rostigen Karussell und einer Wippe. Ein kleiner Junge spielt dort, schiebt das rostige Karussell Runde um Runde an, während eine ältere Frau Unkraut jätet. Mehrfach ruft sie ihn zu sich, ihre Zähne rot vom Paan.

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Er wird angeschoben.

Auf dem Rückweg hat uns einer der Jeeps, genannt Sumo, kostenlos mitgenommen. Wir essen mit Elliot zusammen zu Abend und fallen müde in unser Bett. An dieser Stelle muss ich den Wasserfall als das größte Naturspektakel meiner jetzigen Lebenszeit verbuchen.

Am nächsten Morgen haben wir unsere Rucksäcke zusammengepackt und dem Hostelbesitzer zur Aufbewahrung gegeben. Dieser hat uns nämlich empfohlen, nach Nongriat zu gehen. Dies ist ein Dorf im Dschungel. Als wir eingecheckt haben, hat der Besitzer uns eine Karte gezeigt, auf der Nongriat eingezeichnet ist.

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Rechts unser Hostel, links Nongriat, durch Treppen verbunden. Ich habe das zuerst nicht verstanden, (warum sind da Stufen eingezeichnet?, habe ich mich gefragt) aber tatsächlich sind das nur Stufen. 

Wir schultern also nur einen kleinen Tagesrucksack mit Zeug für eine Übernachtung im Dschungel.

Elliot hat auf seiner Reise eine Frau aus Kanada kennengelernt, Maika. Er sprach über sie nur als the Canadian girl – dieses hat ihm empfohlen, ein Dorf weiter, in Mynteng, zu übernachten, in Veronicas Homestay. Das war also unser Plan, vom Geist des Canadian girls geleitet.

Nach einem guten Frühstück im 7 Trep Restaurant (man muss allerdings mehr als ’seven steps‘ tun, um hin zu kommen, und eine andere Bedeutung des Wortes ‚trep‘ wollte uns partout nicht einfallen. Der Name dieses Restaurants bleibt also bis heute ein Rätsel, und wenn ich nochmal dort sein sollte,will ich auf jeden Fall nach der Bedeutung des Namens fragen. Hat da jemand überhaupt nachgedacht?) steigen wir in ein Taxi, was uns zum Startpunkt des Weges nach Nongriat führt.

Am Kopfe der Treppen werden uns lange Holzstäbe für den Weg angeboten, die wir leicht belächelnd ablehnen. Schon die Couchsurferfamilie in Guwahati hat gesagt, dass das verdammt viele Treppen sind, die man da laufen muss, und eigentlich jeder, der dort war, hat das bestätigt. Aber einen Gehstock? Nee, braucht man nicht. Dachten wir.

Der Marsch beginnt.

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Die Natur um uns ist wunderbar, grün und die feuchte Luft bringt schnell den Schweiß herbei. Meine Beine fangen von der immergleichen Belastung irgendwann an, stark zu zittern.

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Wir treffen eine Schulklasse, die einen Ausflug macht. Ich unterhalte mich mit der Lehrerin; ihr Name war Dolly. Sie erzählt, dass sie heute noch wieder alle Stufen hinausgehen müssen – wo das Hinabsteigen schon eine Stunde oder länger gedauert hat.

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Eines der Kinder der Schulklasse aus Shillong.

Irgendwann nach vielen Stufen und schon einigen schönen Aussichten kommen wir zu einer Wohnhütte, wo wir Eintritt für eine Wurzelbrücke bezahlen müssen. Dadurch, dass wir da zwischen der Schulklasse mit ungefähr 20 Kids stehen, ist das total kompliziert geworden. Elliot überzeugt uns davon, mit dem Gang zur Wurzelbrücke noch zu warten, bis die Schulklasse den Platz geräumt hat, damit das Erlebnis einzigartiger wird. Er wollte wohl in der natürlichen Stille dieses Wurzelwunder bestaunen. Wir setzen uns also auf die feuchten, moosigen Steine. Dass der Po nass wird macht uns nichts, da der Schweiß sowieso schon an jeder Körperstelle Einzug gehalten hat.

Ich will nicht länger warten, und nach etwa zehn Minuten Pause, in denen die Beine immer noch nicht zu zittern aufgehört haben, gehen wir weiter.

Die Wurzelbrücke kommt in Sicht. Ein Schild davor warnt vor einigem, wie zum Beispiel, dass sich nur zwei Leute zur gleichen Zeit auf der Brücke befinden sollen. Ich habe ein wenig Bammel davor, auf die Brücke zu steigen. Große Wurzelstränge ziehen sich vom Boden hoch und formen Grundgerüst, Geländer und Gehweg. Außerdem wurden noch halbierte Holzpfähle entlang des Weges gelegt. Ich dachte eigentlich, die Brücken würden komplett nur aus Wurzeln bestehen. Ich freue mich natürlich trotzdem total, dieses Naturwunder endlich mal live zu sehen, betatschen und belaufen zu können. Ich fand es überraschend, wie stabil die Brücke doch war. Gut, zur Mitte hin hat es mehr und mehr geschaukelt, aber gerade in den ersten Metern waren die Wurzeln wirklich sehr dick und kamen mir unzerstörbar vor. Natur ist wunderbar.

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Ok mist, unscharf.

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Ja mensch, das ist ja auch unscharf.

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Ich will die Schönheit nicht teilen, man muss dagewesen sein. Deshalb lade ich nur unscharfe Bilder hoch, lol

Die Schulklasse konnte man schon hören, bevor wir die Wurzelbrücke erblickten: Die Kids schwimmen spaßend im Wasser unterhalb der Brücke herum, viele haben sich, so gut es bekleidet halt ging, ordentlich mit Seife eingeschäumt und sich gewaschen.

Wir gehen den Weg zu der Schulklasse runter und entschließen uns, mit den Kids zusammen die Abkühlung zu genießen. Das Wasser ist wundervoll und nach diesem anstrengenden Marsch sehr willkommen. Mein Herz geht auf.

Halb über Felsen kletternd, ein Viertel kinderausweichend und ein weiteres Viertel schwimmend erkunden wir das Areal, welches die Brücke überspannt. Flussauswärts finden wir eine runde, vielleicht 3-4 Meter große Felsausparung – ich kann diesen Ort nicht beschreiben, nicht aufmalen und ein Foto konnte ich auch nicht machen.

Ich teile den Gedanken, dass ich mich gerade wie im Mondsee auf Mako Island von der Serie „H²o Plötzlich Meerjungfrau“ fühle, und Louise kann dies nachvollziehen. Wir alle teilen die Freude, am Leben und in dieser wunderschönen Umgebung zu sein.

Nach einigen Momenten dieses Genießens schwimmen wir weiter dem Wasserfall entgegen, den man schon hören kann. Wir ziehen uns über einen größeren Felsen und schwimmen gegen die Strömung an, da plätschert das Wasser schon auf meine Handinnenflächen und fühlt sich so an, als würde es Löcher hinterlassen.

Neben dem Wasserfall ist eine Art Höhle: ein großer Felsen spannt sich über die Wasseroberfläche, der Kopf kann bis zu einem gewissen Punkt noch außerhalb des Wassers resten, bis der Aufprall des Felsens dann das Wasser verdrängt und versenkt. Unten auf Fußhöhe sehen wir zwei rundliche Lichtflecken im Wasser. Wir nehmen an, dass es einen Durchgang geben muss, der den Höhlenbereich mit dem Mondseebereich verbindet.

Ich hätte es mich wahrscheinlich nicht getraut, aber Elliot hat den Anfang gemacht und ist kurzerhand durch die Luke geschwommen. Er kam sicher auf der anderen Seite wieder raus – so wagen auch Louise und ich es und sind hellauf begeistert. Die Freude des Lebens und der Natur steigert sich ins Unermessliche.

„Nein, das ist der schönste Ort, den ich jemals gesehen habe“, sagt Louise. Sage auch ich, und der Wasserfall aus Cherrapanjim rückt auf Platz zwei der schönsten Orte.

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Wird Louise mich töten oder mir zustimmen, wenn ich sage, dass sie wunderschön ist?

Die Schulklasse macht sich kurz vor uns auf den Weg. Zuvor wird noch ein Foto geschossen: Alle Kinder auf der Brücke. Auch wenn das Schild sagt, dass nur zwei Leute gleichzeitig auf die Brücke dürfen, wird sich um die rund dreißig Kinder wenig geschert. Ich stelle mir kurz vor, dieser Ort sei in Deutschland – nein, das geht nicht, lassen wir dieses Gedankenexperiment lieber ganz hinten im Kopf.

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Wir gehen also, tropfend trocknend, weiter – fragen an den Hüttchen, an denen wir vorbeikommen, immer mal wieder nach Mynteng, dem Dorf, in das wir wollen. Unsere Richtung scheint zu stimmen. Schließlich kommen wir nach Nongriat, das sagenumwobene Dorf, was direkt bei der Doppeldeckerbrücke ist. Wir lassen es links liegen, da es laut the Canadian girl jetzt nur noch eine halbe Stunde Fußmarsch bin nach Mynteng sein soll.

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Wir haben Halt gemacht und Maggi Noodles gegessen, da sie nichts anderen da hatten, die Frau, ihr Mann und ihr Kind, was während unseres ganzen Aufenthalts neben der Bank in der Holzhütte auf dem gepolsterten Boden tief und fest geschlafen hat.

Der Weg durch den Dschungel ist wunderschön, es geht mal etwas bergauf, ein paar moosige Steinsbrocken hinab, aber größtenteils am Hang entlang, links das Tal, rechts der Berg, alles kaum zu erkennen, weil es so wahnsinnig grün ist. Ein Zauberwald.

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Wenn ich diese Bilder sehe, glaube ich gar nicht, dass ich da echt und wirklich gewesen bin. 

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Nicht alles wurde von Wurzelbrücken überspannt, es gab auch viele Stahlbrücken, auf denen ich weitaus ängstlicher war, als auf den Wurzelbrücken.

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Tatsächlich finden wir dann auch gegen vier Uhr nachmittags Veronicas Homestay. Sie ist nicht da, also fragen wir einen kleinen Jungen, ob er wüsste, wo sie ist. Ich mache ein Foto von ihm, wie er da steht und lächelt, als ich bemerke, dass er eine große Stabheuschrecke auf den Unterarmen trägt. Doch als ich ein anständiges Bild davon schießen kann, ist der Junge schon weg.

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Unscharfe Bilder – Mensch, gibt es etwas, was eigentlich mehr Stil hat? Ich glaube nicht.

Veronika ist eine äußerst kleine, liebe Frau. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn – welcher tatsächlich der Stabheuschreckenjunge ist – in einem anderen Haus, wenn man weiter ins Dorf hineingeht. Ihr Homestay, eine einfache Holzhütte, mit einem Gang in der Mitte, rechts zwei Doppelzimmern und links eine Küche und ein Esszimmer, ist direkt am Anfang des Dorfes. Wenn man den schmalen Weg entlangkommt, ist das Schild ihres Homestays das Erste, was auf erneutes Zivilisationsauftreten hinweist. Wenn man auf der anderen Holzhüttengangseite die drei Stufen wieder hinuntergeht – denn die Hütte befindet sich auf Stelzen – gelangt man zu einem Hockklobetonklotz mit Freiluftdusche hintendran. Es ist ein sehr kleines, aber wunderlich wohnliches Paradies, in das wir da gerade getreten sind.

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Unsere Zimmer ist rechts, Elliots ist links.

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Von innen. Vielleicht waren es nur die Vorhänge, die es so schön und gemütlich gemacht haben. Ich werde es mir für mein Baumhaus auf jeden Fall merken.

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Der Mittelgang zwischen Schlaf und Ess-/ Kochbereich. Als es geregnet hat (der Regen wird erst an späterer Stelle erwähnt), hat sich das Wellblech so sehr mit Regen gefüllt, der nicht abgelaufen ist, sodass man unsere Tür nicht mehr öffnen konnte. Der Regen hat das Wellblech zum völligen Durchhängen gebracht.

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Das ist Veronica. Leider konnte ich sie mit meiner blöden Geste nicht wirklich dazu bewegen, richtig zu lächeln. Man bemerke: Ich stehe auf der Stufe unter ihr. Über uns hängt Elliots Hose zum Trocknen.

Als wir uns in ihr Hotelregister [oder wie auch immer man diese großen Bücher nennt, in die man Adresse, Land und Passnummer hineinschreibt] eintragen, erhalten wir einen Überblick darüber, wer zuvor alles in Veronicas Homestay eingecheckt hat. Ein Mann war alleine dort und ist für ganze 21 Tage geblieben – wir fragten uns und später auch Veronica, was die Leute hier so lange in solcher Einsamkeit machen. Wandern, schwimmen, und viel Lesen, meinte sie.

Nach der Ankunft sprühen wir uns mit No-Bite, dem allbenutzten Mückenspray ein. Unsere verschwitzten Körper scheinen das nicht zu mögen, denn die Haut brennt scheußlich. Ich konnte No-Bite noch nie leiden, aber dieses Erlebnis der brennenden Haut hat mich wirklich abgeschreckt. Gut, es hält die Mücken ab – aber was ist das für ein Teufelszeug, wenn es sich anfühlt, als würde man in einen Ofen laufen?

Dann, auch auf Empfehlung des Canadian girls, haben wir uns mit Veronica und ihrem Sohn zusammen zu dem natürlichen Pool aufgemacht, der fünf Gehminuten entfernt ist. Die beiden Locals gehen wieder zurück, während wir in schwindendem Tageslicht duschen und immernoch nicht glauben können, dass wir gerade mitten im Dschungel sind und .. duschen. In dem Becken eines Wasserfalls, in der Abenddämmerung, und gleich von einem guten Abendessen erwartet werden, und dann später von holzigen Gerüchen umgeben, unter dem pink-blau-gepunkteten Mückennetz einschlafen dürfen.

Einen Hund gibt es auch. Ich weiß seinen Namen nicht mehr, aber auf Khasi, der Landessprache von Meghalaya, hieß er „rot“, wegen seiner Fellfarbe. Ein toller Hund, der auf unser Abendessen genauso geiert wie Ruby zu Hause beim Kaffee in Galigarahundi auf die Kekse.

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ich liebe Hunde

Nach dem Abendessen, welches aus Reis mit Dhal, Bohnen und weiß ich nicht mehr bestand und sehr gut war, sind wir in die Betten gefallen. Louise und ich lesen im spärlichen Licht der Solarlampe noch, als Veronica an die Tür klopft. Ich öffne ihr, und sie hält ein Hustensaftfläschchen und einen Löffel in der Hand. Sie hätte mich husten gehört, meinte sie, und deshalb solle ich Hustensaft nehmen, damit ich schnell wieder gesund werde.

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Das war das Abendessen.

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Nach dem Essen, als wir freien Blick auf die Unterleger hatten, ist uns nach einer Weile aufgefallen, dass die Obstschale von der rechten Seite einfach in den Foto auf der linken Seite hineinkopiert wurde. Wir fanden das alle ziemlch witzig, da dachte ich, ich teile es mal.

Ich nehme der lieben Frau die Flasche ab und erledige meinen Teil. Vielleicht sind Leute so lange geblieben, weil sie Veronica so nett fanden. Auf dem Hinweg zu dem Wasserfall meinte sie scherzend, dass wir alle so langsam laufen. „Me very fast, you very slow“, hat sie gesagt.

Zu dem nie zuvor gehörten Zirpen unbekannter Vögel schlafen wir schließlich ein.

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vom nicht-weggehen-wollen

In fünfzig Minuten gibt es Abendessen, da nutze ich mal die Zeit für einen Blogeintrag.

Die Erzählungen über unsere Reise im Herbst steht immer noch auf der Warteliste, es passiert einfach zu viel drumherum, dass ich es nicht schaffe, meinen Kopf in die Zeit zurückzukatapultieren, um anständige Berichterstattung zu leisten.

Lara ist in der Stadt um in zwanzig Minuten mit dem Großteil unserer Winterausreise an Freiwilligen nach Kerala zu fahren. Da ich schon dort war, und nicht Geld für nochmal dasselbe ausgeben wollte, werde ich das Wochenende bei den BR Hills verbringen, zusammen mit einigen der neuen Freiwilligen – sehr nette Leute, alles. Sogar Uma aus dem Kindergarten hat uns schon einmal die BR Hills empfohlen, die nur 120 km entfernt von hier sind. Auch die Schwestern, die ich gerade dazu ausgefragt habe, meinten, dass es da schön ist. Genaues haben wir noch nicht geplant, aber das wird sich dann sicher dort ergeben.

In der Schule sind wir inzwischen fleißig dabei, die Außenwände zu streichen. Ich füge die Bilder der fertigen Wand-Sektionen ein:

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links ist Suchitra, rechts ist Milana, beide aus der Achten.

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Wir haben einen Plan aufgestellt. Die Außenwände sind durch Betonpfeiler getrennt, so können wir Stück für Stück vorgehen. Geplant sind zum einen solche Art von Sprüchen, wie sie auf den Bildern zu sehen sind. Ich habe heute eine lange Liste mit Sprüchen von Gayathri in die Hand gedrückt bekommen, die die Achtklässler gesammelt haben.

Desweiteren wollen wir an einer langen Wand von aneinandergereiten Beton-Sektionen einige der Staaten Indiens verewigen. Karnataka, Kerala, Rajasthan, Himachal Pradesh, Meghalaya, Delhi und Punjab. Darin sind so viele Verschiedenen Tundren und Faunen inbegriffen – Wüste, Dschungel, Backwaters, Himalayaberge, eine dicke Skyline, der Strand. Wir wollen versuchen, die Grenzen der Schule damit zu öffnen, die Vielfalt Indiens an die Wände malen, damit die Kids sehen, in was für einem wunderbaren Land sie da leben. Zwischen diese sieben Staaten [es gibt neben denen auch noch mehr] planen wir, die Kinder nach Klassen ihre Handabdrücke mit Namenszug an die Wand zu machen. Dieses Handabdruckgemache ist ein alter alter Hut, aber dennoch mögen wir die Idee. So kann man die Kinder in den Prozess des Schuleverschönerns gut einbeziehen und bringt stilistisch gesehen etwas Abstand zwischen die Malereien der Bundesstaaten.

Ich bin total glücklich mit dieser Art von Arbeit. Abgesehen davon, dass wir den ganzen Tag in der Sonne sind – und meine Arme so braun werden, dass ich sie nicht mehr mit Sonnencreme eincremen muss, weil sie sich keinen Sonnenbrand mehr einfangen können – bin ich total in meinem Element. In der Pause kommen immer Grüppchen angelaufen, fragen, was ich mache, lesen die Sätze vor, übersetzen für die Jüngeren auf Kannada. Ich versuche, den Satz vereinfacht auszudrücken. Ibbani aus der Ersten hat ihre Finger in die Farbe getunkt. Da ich jetzt statt einer normalen Wasserflasche immer eine 2-Liter-Flasche mit in die Schule nehme, kann ich ihr frohen Mutes Wasser über die Hände schütten, damit sie sich nicht die Uniform vollsaut.

Heute kamen ein paar Jungs aus der dritten Klasse. Einer hatte mit Daumen und Zeigefinger eine Libelle gefangen, die er mir mit zusammengedrückten Flügeln stolz unter die Nase hält. „Akka nodi“, guck, Schwester. Ich bin überrascht, dass er es geschafft hat, eine der Libellen einzufangen.

Er lässt sie wieder frei und sie fliegt schnell davon. Die anderen zeigen in die Richtung des Palmenblattes, wo die Libelle hingeflogen ist.

In der nächsten Pause kommt ein Junge aus der Fünften mit einem Grashüpfer an. Er ist ziemlich ungezogen, und reagiert nicht, als ich ihm sage, er solle den Grashüpfer aus meinem Gesicht nehmen. Die Umstehenden lachen, ich verziehe das Gesicht, obwohl ich auch lachen muss, will dennoch in der Rolle der Angeekelten bleiben, um zu erheitern.

Später kommt noch ein Junge an, mit einem Schmetterling, dessen Flügel wieder zwischen Daumen und Zeigefinger kleben. Mit dem ist es aus, denke ich. Als Kind hat man doch gelernt, dass Schmetterlinge nicht mehr fliegen können, wenn man ihre Flügel berührt hat, oder nicht? Als das Kind den Schmetterling freilässt, erlebe ich mit, wie das Insekt hastig davonfliegt. Sein Flug sah nicht 1A aus, aber geflogen ist er noch. Schön.

Gerade mit den Siebt- und Achtklässlern bauen wir eine gute Verbindung auf. Ich glaube, ich habe es in vorherigen Blogeinträgen vielleicht schon erwähnt, aber es ist wirklich schön, sich mit den Kindern richtig unterhalten zu können. Suchitra aus der Achten hat eine Idee für den Spruch „Everyone in equal“ geliefert. An dem Tag in der letzten Woche waren ihre beiden Besties, Milana und Archana nicht da, so hat sie viel Zeit bei uns draußen verbracht.

Eigentlich wollten wir ein paar Kinder neben den Spruch malen, vielleicht einen Baum und eine Blume, was Einfaches, als Suchitra sagt, dass wir doch die Religionszeichen malen könnten. Das ist genial, das haben wir so gemacht. Bei den Kindern und den Lehrerinnen kam es gut an, auch wenn sich viel über das Fragezeichen gewundert wurde. „Atheism“, sagen wir, „believing in no god“, „our religion“ – aber irgendwie versteht das keiner so richtig.

Einen Tag vor der Reise habe ich mein Portemonnaie klauen lassen, an der Bushaltestelle. Seither habe ich auf meine neu beantragte Visa-Karte und den Brief mit der Pin-Nummer gewartet. Letzterer ist „auf dem Postweg verloren gegangen“, so musste ich den neu beantragen, was noch mehr Zeit gekostet hat. Heute ist dann endlich der Tag gekommen, an dem ich beim Geldautomaten frische Scheine abheben konnte. Finally, die Ära des Geldleihens ist vorbei. Diese Aktion und das Reparieren meiner Sandalen hat mich heute in die Stadt geführt.

Ich gebe meine Schuhe bei dem 1m³ großen Lädchen ab. In der Erwartung, dass das Reparieren meiner Schuhe eine kleine Ewigkeit dauern könnte, mache ich mich barfüßig weiter auf zum Markt, um Adil einen Besuch abzustatten. Bei Chai quatscht es sich ganz gut mit den anderen Freiwilligen. Wir gewinnen noch einen weiteren Teilnehmer für die BR Hills dazu, und dann ist es auch schon Zeit, die Schuhe abzuholen und den vorletzten Bus um 18:45 nach Hause zu nehmen.

Die Schuhe hat der Schuster wunderbar repariert. Die Ferse war anfangs völlig zerstört – kein Wunder, bei täglichem Tragen, fast zehn Monate lang. [10 Monate, ich kann das gar nicht glauben!] Als ich sie wieder anziehe, ist die Sohle mit einem neuen Absatz versehen, das Innenbett erneuert, die Verbindung von Trageriemen und Sohle festgeklebt und sogar der Verschluss erneuert, womit ich gar nicht gerechnet habe. Die Farbkleckser aus der Schule hat er allerdings drangelassen. Ich bezahle 150 Rupien – 2 Euro – und habe ein völlig neues Laufgefühl, als ich mich zum Busbahnhof aufmache.

Als der Bus 110C etwas verspätet, aber im Rahmen, eintrifft, bietet mir die Frau ganz vorne ihren freien Nachbarsitz an. Ich setze mich zu ihr, und wir fangen ein bisschen an, zu quatschen. Ich versuche, mit den Kannadafährigkeiten zu Prahlen, und sie freut sich. Unsere beiden Sitznachbarinnen auf der anderen Seite, zwei Frauen, die schon vorher auf dem Weg nach Galigarahundi aussteigen müssen, drehen sich rüber und fragen mich, wo ich hinfahre. Meine Nachbarin sagt ihnen, ich würde viel Kannada sprechen können – Ich freue mich, das ist das erste Mal, dass jemand das sagt. Cool! Lakshmi, so hieß meine Nachbarin, arbeitet im Zoo von Mysore und findet die Stadt total super. Im Zoo kommen so viele Besucher von überall her, und dann kann sie immer ein paar Worte mit Leuten aus anderen Bundesstaaten wechseln, was sie sehr freut. Ihre Eltern haben ihr Tamil, die Sprache vom südindischen Nachbarstaat Tamil Nadu, beigebracht. Außerdem hat Mysore so viel zu bieten. Abgesehen vom Zoo gibt es noch den Palace, ja, mit vielen kleinen Tempeln drumherum. Als sie das sagt, fahren wir gerade an einer der Außenmauern des Mysore Palace vorbei, und tatsächlich sehe ich die zahlreichen Tempel, die mir vorher noch nicht aufgefallen sind. Und die Chamundi Hills gibt es, und diese Kirche, dessen Namen Lakshmi, aber nicht ich wusste. So viele Sachen, in Mysore, die man sich anschauen kann. Und es ist so schön ruhig. Gerade abends, so nach neun Uhr, meint Lakshmi, ist kaum einer mehr unterwegs. Diese Unterhaltung hat mir sehr viel Spaß gemacht, da Lakshmi leise, aber deut- und englisch gesprochen hat. Lächelnd winken wir uns zur Verabschiedung zu, als der Bus weiterfährt, nachdem sie ausgestiegen ist.

Den Hauptteil der Fahrt habe ich alleine verbracht, da Lakshmi noch innerhalb des City Circles ausgestiegen ist. Es war schon dunkel, die wenigen Wolken vom Wind zerpflügt und der frische, rot-gelbliche Vollmond schimmert hindurch, hinterlässt einen beschlagenen Glanz auf den Wolken, für den es bestimmt einen wissenschaftlichen Ausdruck gibt.

Ich bin immer erstaunt, wenn ich sehe, wie schnell der Mond seine Größe und Form ändert. Nicht jeden Abend sehe ich ihn, aber man bemerkt an dem Wechsel so das Verlaufen der wenigen Zeit, die noch übrig ist, wirklich ausgesprochen gut. Ich will nicht weg. Klar, man freut sich auf zu Hause, Wuppertal, die Leute, die Family und die Schwebebahn, Spieleabende und Fahrradfahren, was weiß ich, was man halt zu Hause so macht und hat.

Aber ich werde doch definitiv die Palmen vermissen, und habe ein schlechtes Gewissen, die Mauern in der Schule ungestrichen zu lassen. Wir werden noch so viel zu tun haben, in den nächsten Wochen an Arbeitstagen, sodass ich nicht sagen kann, ob wir damit noch rechtzeitig fertig werden. Unser Zeitplan muss tight sein, aber Planung ist hier nicht so wichtig, deshalb können wir nur schauen, ob wir es schaffen. Es wird mir auch fehlen, an den Wochenenden spontan wegfahren zu können – man setzt sich einfach in einen Bus am Suburban Busstand, bezahlt seine 50 Cent und fährt sonstwo hin. Diese Freiheiten und Neuheiten hier halten mich auf Trab, am Laufen, meine Augen sehen so viel, wo meine Ohren und mein Kopf nicht alles verstehen können. Mein Tagebuch füllt sich mit Geschichten, Bildern und Bustickets, ich musste schon ein Zweites anfangen, was möglicherweise gar nicht ausreichend sein wird.

Unser Dorf ist ein zweites, kleines zu Hause, wir kennen wir Leute, die Hunde haben Namen bekommen. [Diesen Satz musste ich noch irgendwo einfügen, bevor ich mit pathetischen Worten schließe.]

Schon jetzt bin ich so dankbar für diese ganze lange Zeit in einem fremden Land, was für mich nicht interessanter sein können. Ich bin gespannt, was die Endphase noch für uns bereit hält, was noch passiert, wo doch schon so viel passiert ist. Und die Zeit doch auch viel zu schnell rumgegangen ist.

Adieu –

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PS.: das Office der Schulleiterin.

von Ghandis Geburtstag in die Endphase

Am Dienstagmorgen gegen drei Uhr nachts kommt der Zug, der innerhalb von 54 Stunden die Hälfte Indiens durchquert hat, in Mysore endgültig zum Stehen. Ich nehme eine Rikscha nach Hause, Mysore begrüßt mich mit leichtem Regen in der Luft. Als ich dann um halb vier in Galigarahundi vor dem großen, verschlossenen Eisentor stehe, sind alle tief in ihren Träumen. Nach einem hoffnungslosen Anruf auf Laras Handy betrete ich das Grundstück mit den Kühen, das an unseres grenzt, hieve den Rucksack auf die andere Seite der Mauer und dann mich selbst. Nicht schlimm, dass alles nass und moosigschmutzig wird, da ohnehin meine gesamte Garderobe in schlechtestem Zustand ist. Unsere Zimmertür im ersten Stock ist von innen verriegelt, so muss ich Lara wachklopfen, als wir uns dann – Lara müde und zerstreut, ich nass und aufgewühlt – umarmen. Lara trägt die Wärme eines schlafenden Menschen und die konstante Stickigkeit unseres Zimmers auf der Haut. Wir teilen ein paar Sätze, ich putze die Zähne, nach einer Weile echt mal wieder nötig, und als ich mich ins Bett lege, ist Lara schon wieder in ihren Träumen verschwunden.

Also, zurück in den Alltag. Den Dienstag über wurden wir noch verschont [wenn dieser Begriff nicht mal zu negativ ist], von der Arbeit. Die Müdigkeit übermannt mich nach dem Frühstück und wir schlafen beide bis nachmittags um drei. Obwohl ich die vergangenen zwei Tage im Zug so viel Zeit zum Schlafen hatte, brauchte ich diese Erholung scheinbar dringend. Ich komme erst nach dem Nachmittagskaffee dazu, den gesamten Stoffinhalt meines muffigen Rucksackes zu waschen. Als ich die letzte Kurta geschrubbt habe, war es schon dunkel, und der erste Tag in Mysore geht friedlich, heimatlich und angenehm vorüber.

Am Mittwoch dann sind Lara und ich im Kindergarten gewesen, da die kleinen Wesen sich den Platz in unseren Herzen auch über die drei Wochen gut genug erhalten haben. Kurzum: Wir haben die Kinder vermisst. Besonders mit den Babysitting-Kids tollen wir am Meisten umher. Ich kann mich gar nicht genug freuen, das Gesicht des Hosenpinklers wiederzusehen, dessen echter Name übrigens Kiran zu sein scheint. Wir bemerken das Vergehen der Zeit an dem Wachsen der Kinderhaare. Gerade dann, wenn ein Kind die Haare abrasiert bekommen hat (was in hinduistischen Familien oft getan wird, da die Haare einem der Götter geopfert wird, um Glück, Reichtum oder Gesundheit in die Familie zu bringen), sieht man den Wachstum besonders schnell.

Wir freuen uns auch, Uma und Manjula, die beiden Lehrerinnen im Kindergarten, wiederzusehen. Die alte Helferin, Madyamma, ist nicht da. Als wir fragen, wo sie sei, erklärt uns Manjula, dass ihr Ehemann ein Trinker ist, und dieser jetzt für ungefähr eine Woche in ein Krankenhaus eingeliefert wird. Vielleicht länger, oder kürzer, das wisse man nicht.

Als Ersatz für Madyamma ist jetzt eine jüngere Frau an ihrer Stelle, ihr Name ist Shilpa. Wir müssen leider feststellen, dass ihre Art der Kindesbetreuung vielleicht ein wenig zu antiautoritär ist, gelinde ausgedrückt. Bis zum Mittagessen spielen wir mit den Kindern, werfen Bälle, schaukeln an. Shilpa sitzt teilnahmslos auf der Treppe und schaut zu. Die Anstrengung übermannt mich und ich setze mich hin, um der prallen Sonne der Schaukelparzelle zu entkommen. Die unermüdliche Kinderbespaßung ist nicht mein Ding, und ich merke im Kindergarten viel zu oft, dass ich etwas Zeit brauche, in der das Gesicht entspannen kann. Wenn man kaum Worte hat, mit denen man mit den Kindern kommunizieren kann, besteht eine Unterhaltung vermehrt aus Gesichtsausdrücken. Ich habe das Gefühl, mein Gesicht ist diese Art der Anstrengung nicht gewohnt, und schnell wächst mir die Verantwortung des Kinderbewachens und -bespaßens über den Kopf.

Ich setze mich also hin, erschöpft, und blicke zu Shilpa rüber – vielleicht kann sie mal an der Schaukel einspringen, da die drei Kinder in den Sitzen und die Außenstehenden, die auch schaukeln wollen, direkt nach meinem Abgang wieder eine Anschubsperson verlangen. Oder die Kinder dazu bringen, irgendein Spiel zusammen zu spielen, zu reimen, weiß ich nicht – sich mit Kannadakenntnissen und Autorität irgendwie nützlich machen. Da sie kein Englisch spricht, fällt auch da Kommunikation schwer. Vielleicht denkt sie einfach, dass die Kinder ihre Freizeit schon alleine managen können. Trotzdem langt sie mit dem Plastikstück, das aus einem der kleinen Schaukelstühle gebrochen ist, zu. Ich rufe rüber, dass sie das lassen soll, tippe auf meinen Mund und sage „only talking, no hitting“. Das fruchtet nicht, und jetzt, während ich den Text nochmal durchlese, kann ich hinzufügen, dass ich inzwischen ein Ohr für das Geräusch von Schlägen im Nebenzimmer entwickelt habe. Ich hoffe, dass Madyamma bald wiederkommt – ich erhoffe mir da eine brutale Besserung. Naja, jede der Autoritätspersonen schlägt die Kinder gelegentlich. So unkorrekt ich das finde, und mich auch jedes Mal laut aufrege, wenn ich es sehe, ändert sich doch nichts. Es ist ein Teufelskreis – ich schätze, man kann einfach nur zu schwer anders, wenn man auch damit aufgewachsen ist. Der Kopf merkt sich: Wenn ich das Kind schlage, macht es was ich will und hat Respekt vor mir.

Dabei ist es doch viel mehr Respekt vor dem Schmerz, den das Kind bei Fehlverhalten erwartet?

Ich muss sagen, dass sich das Verständnis für Kannada schon etwas verbessert hat. Ich verstehe gelegentlich, was die Kinder mich fragen wollen. Und auch, wenn die Antwort dann aus ein paar abgerackerten, grammatikalisch falsch angewandten Kannadawörtchen besteht, kann man sich doch oft und öfter verständlich machen. Sehr oft werde ich gefragt: „Akka, idyenu?“ Dazu folgt dann ein Fingerzeig auf meine Haare, Kette oder das ICJA-Band am Handgelenk. Irgendwann kam dann der Moment der Erkenntnis – enu heißt „was“ und idu bedeutet „das“ – die Kurzform ist dann idyenu. Der laurische Blitzmerker hat ein halbes Jahr gebraucht, um das auszuklamüsern.

Der Moment des Tages, an dem ich mich im Kindergarten am Proudktivsten fühlen darf, ist der des Dosenöffnens zum Mittagessen. Die Blechdosen, die so gut wie jedes Kind hat, sind oft schwer zu öffnen. Deshalb gehen wir, nachdem die Kids ordentlich in einer Reihe sitzen, die obligatorische Stoffserviette ausgebreitet, die Dose/n daraufgestellt und das Lied, was [denke ich] überall zum Essen gesungen wird, mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen runtergemurmelt haben, rum, und helfen bei der Öffnung.

Es ist ein Teufelsspiel. Ich werde schrecklich neidisch, wenn ich das gute Essen der Kinder sehe. Die Essensgerüche der frisch gekochten Sachen strömen nur so aus den Dosen, wenn ich sie in der Hock auf dem Boden aufmache. Manchmal, wenn die Blechdosen etwas älter sind, verbeulen sie leicht. Bei Nagarathnar habe ich mir in der ersten Zeit abgeguckt, wie man diese mit Handeskraft unöffnungsbaren Dosen aufbekommt. Ich bin noch schreckhaft und verwirrt wie ein scheuer Hund zusammengezuckt, als Nagarathnar die Dose nimmt und hart und herzlos gegen die Wand hämmert – an der Stelle, wo der äußere Rand des Deckels entlangläuft. Schnell springt die Dose auf.

Ich habe diese Technik variiert und schlage die Dosen am Boden auf – gerade durch nasse Hände geht das nicht anders. Da muss man aber etwas aufpassen, dass nichts verschüttet geht.

Nach dem Öffnen gehen wir mit Uma und Manjula hoch, während Shilpa [oder zu sonstigen Zeiten Madyamma] unten sitzt und den Kids beim Essen und Anständigverhalten zuschaut.

Gestern beim Essen haben wir ungewöhnlich viel geredet. Ich freue mich aber eigentlich immer darüber, wenn das vorkommt. War ja auch der erste Tag nach den Ferien. Natürlich haben uns die beiden nach unseren Reisen gefragt. Später fragt Uma uns nach unserem Abreisedatum: 29. Dezember. Weil es Probleme mit dem Visum gab, konnten wir nicht ganze zwölf Monate bleiben. Ich bin nicht schade drum, da es ganz cool ist, an Silvester wieder in wuppertaligen Gefilden zu sein.

Uma und Manjula sind sich darin einig, dass wir bis dahin unbedingt noch zu Besuch kommen müssen, zum Essen. An fast jedem Mittag im Kindergarten bekommen wir eine kleine Portion aus den jeweiligen Blechbüchsen der Kindergartenlehrerinnen in unseren Blechdeckel gelegt. Oft bieten wir unser Essen an, was aber meist mit einem Kopfschütteln abgelehnt wird. Ich kann es verläuten lassen, dass wir das Essen inzwischen nicht mehr so richtig sehen können.

Wir bekommen Mittags immer eine Lunchbox, die Gerichte wechseln sich wie folgt ab:
1. Chitranna; Chitra heißt „Zitrone“ und Anna heißt „Reis“. Lemon Rice gehörte zu Beginn zu einem unserer liebsten Gerichte, und es ist immer noch eine coole Art der Reiszubereitung. Neben Zitronensaft sind oft auch Zitronenkerne drin, die sehr bitter sind, wenn man draufbeißt. Sonst finden sich ein paar Zwiebelstückchen, geröstete Erdnüsse und Curryblätter zwischen den Reiskörnern, wobei Letztere allerdings überwiegen. Die Erdnüsse sind das Highlight in dem trockenen Reis, während ich die Curryblätter wegen Nichtmögens immer raussortieren muss.

2. Puliyogare [Poliogre]; Tamarind Reis. Tamarind(e) sind recht bittere Schoten, die an Bäumen wachsen. Das Innere der Hülsen ist sehr klebrig, deshalb findet man unterhalb der Bäume auf Straßen oft festgefahrene Tamarindenkerne. Aus Tamarind wird eine Paste gemacht, die man als Gewürzmischung kaufen kann. Die kommt an den Reis, dazu wieder geröstete Erdnüsse. Ein ziemlich leckerer Reis, mochte ich total gerne. Inzwischen, wenn man es jeden zweiten bis dritten Tag hat, – naja.

3. Tomotto Bath; Tomaten-Reishaufen. Gabs schon länger nicht mehr – Name erklärt sich von selbst.

4. Anna Samba; „Reis mit Sauce“. In dem Samba sind meist Rettichstücke, und die Dose besteht zum großen Teil nur aus weißem Reis. Schwer, eine homogene Reismische in der kleinen Dose zu machen. Manchmal nehme ich einen Reisteil raus und lege ihn auf den Unterteller, rühre, esse, tue den Untertellerteil wieder in die Dose, esse weiter. Man hat das Gefühl, dass man dann mehr Reis hätte, weil man sich quasi ’nachnehmen‘ kann. Diese Reisvariante hat eigentlich nie genug Samba für die Menge an losem Reis.

So viel zu unseren Mittagessensvatianten, die die Schwestern eigentlich ganz gut beherrschen. Ich bin mit dem Essen ok, aber wenn ich dann die große Vielfalt der indischen Küche in den Blechbüchsen der Kinder und Lehrerinnen sehe, bin ich doch traurig, dass unser Essen so eintönig ist und unseren Geschmacksknospen diese Vielfalt täglich verwehrt werden. Meistens spare ich mir also das, was Uma oder Manjula uns geben, für ein himmlisches Finale des Mittagsmahl auf.

Da wäre es zum Abschluss mal ganz schön, ein ’normales‘, indisches Essen von zu Hause genießen zu dürfen. Manjula regt meine Speichelproduktion an, indem sie erklärt, was sie denn alles kochen würde. Schön schön, ich bin gespannt.

Den Nachmittag im Kindergarten haben wir dann damit verbracht, Manjula beim Unterrichten der UKG-Kids zuzusehen, während die Babysitting- und LKG-Kinder nebenan schlafen. Das ist immer ein noch unproduktiverer Zeitraum. Es fällt mir inzwischen zu leicht, einfach zum Buch zu greifen und zu lesen, während Uma und Manjula die Kinder im Blick haben. Endlich habe ich es geschafft, die Gitarre, die ich im Februar gekauft habe, mal mit in den Kindergarten zu nehmen. Es war total schön, wie da alle Kinder im Schneidersitz sitzen und lauschen, vermutlich das erste Mal live eine Gitarre hörend. Manjula hat mich danach gefragt, ob die Gitarre eine Batterie hat, die man aufladen muss. Das hat mich überrascht, denn sie konnte immerhin das Ding in der schwarzen Schutzhülle las Gitarre titulieren. „Physics„, hab ich ihr geantwortet, man braucht keinen Strom, um eine Gitarre zu spielen. Um halb vier, eine halbe Stunde früher als in der Schule, haben wir dann Schluss und die Kinder gehen in einer Reihe runter in den Bereich bei den Schaukeln und warten auf ihre Leute, die sie abholen, oder gehen den kurzen Weg nach Mellahalli zusammen.

Letzten Donnerstag wurde in der Schule Ghandis Geburtstag und noch ein weiteres Happening gefeiert, dessen Erklärung ich nicht verstanden habe. An dem Tag haben wir keine Lunchbox mit Chitranna oder anderem bekommen, sondern in der Schule zusammen gekocht. Alle Lehrerinnen hatten neue Klamotten, weil es bei dieser Function üblich ist, sich neue Kleidung zu kaufen. Ich habe Nagarathnar das erste mal im Salwar Kameez gesehen. So nennt man die Zusammenstellung aus Kurta, Tulida [keine Gewähr auf Rechtschreibrichtigkeit] – eine weite, luftige Hose, und Dupatta [Schal] besteht.

Tatsächlich haben wir dann zusammen gekocht, im Schulflur auf dem Boden große Mengen an Tomaten, Gurken, Zwiebeln und Möhren geschält. Zufrieden klappe ich das Schweizer Taschenmesser aus und fange, nach acht Monaten, endlich mal damit an, beim Kochen indischen Essens zu assistieren. Bohnen wurden aus den Schoten geholt, während draußen Zweige für ein Feuer zerbrochen worden sind. Am Ende landete alles in einem riesengroßen Topf gekocht. Man hat die Anstrengung gesehen, mit welcher der Reis umgerührt wurde.

Die Kinder platzieren sich in großen Kreisen auf dem grünen Boden, und nach dem üblichen Singsang wird Raitha [dünne, milchige Flüssigkeit mit kleingeschnittenen Zwiebeln, Gurken und Tomaten drin. Macht Essen weniger scharf] und Veg Pulao ausgeteilt. Viel zu heiß. Neben dem Schnitt im Zeigefinger, den ich mir beim Möhrenschneiden zugezogen habe, kriege ich zwei kleine Brandblasen an Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. Das Essen war, als es dann eine annehmbare Temperatur hatte, auch ziemlich lecker.

Der Tag war wunderschön, und hat mir von allen Feierlichkeiten, die in der Schule bisher schon so waren, am Besten gefallen. Alle haben zusammengearbeitet, und den ganzen Vormittag haben wir mit Vorbereitungen verbracht, um dann zusammen zu essen. Total schön, bei gutem Wetter und bester Laune – ich hatte ein starkes Gefühl von Gemeinschaft.

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Jetzt geht es also weiter. Nach dem Diwali-Festival, was jetzt ab Mittwoch ansteht, wagen wir uns an das Büro der Schulleiterin, die einen neuen Anstrich in der Farbe pink verlangt. Geschmacksverirrt? Vielleicht.

von universeller Projektmalerei und Hundeliebe

Ja Mensch, was bin ich froh, noch vor der nächsten Reise alles Erzählen der ersten Reise aus April und Mai vervollständigt zu haben. Genug des Larafragens, im-Journal-Nachschlagens, Bilderanschauens und Erinnerungenaktivierens.

Dann kommen wir jetzt endlich mal dazu, zu erzählen, was gerade aktuell ist.

In der Schule streichen wir beherzt den „Leseraum“, so wurde das kleine, ranzige Zimmer von Doctor Zebb benannt. Ursprünglich war das Zimmer altrosa, in der einen Ecke sticht in dunkelgrau der Beton hervor. Hinter den zwei alten Holzregalen finden wir ziemlich viele Puzzlestücke, Staub und Silberfische. Oh, und drei Bänke stehen noch dort.

Nachdem wir die alten Styropor-Projekte von der Science exhibition, welche im Januar stattfand, die den ganzen Boden und eigentlich alles belagert haben, in den leerstehenden Nebenraum geschafft haben und alles von Staub entfernt, Puzzlekartons geklebt und Fenster geöffnet haben, hatten wir einen Einfall:
Lass doch mal die Wände streichen. Mit irgendeinem Thema. Hey, wieso nicht ein Universum?

Die Schwestern und der Doc fanden die Idee gut, also sind wir dahergegangen und haben einen zehn-Liter-Eimer weiße Farbe gekauft. Vom Mellahalli Circle haben wir diesen dann mit unseren bloßen Händen nach Harohalli in die Schule geschleppt. Wer sich für die Entfernung interessiert: Man findet die Dörfer sogar bei Google Maps! Am nächsten Tag hatte ich Schmerzen in Rücken, Nacken und Schultern. Oder war es nur Muskelkater?

Wir haben noch ein paar alte Anmischfarben von einem ehemaligen Freiwilligen bekommen, sodass wir da nicht mehr so viele kaufen mussten. Trotzdem haben wir dem netten Farbenmann an Mellahalli Circle oft genug einen Besuch abgestattet, manchmal hat es an dunkelblauer, mal an schwarzer Farbe oder einem Pinsel gefehlt. Wir haben sogar einmal einen Chai spendiert bekommen – garantiert sind wir seine besten Kunden.

Ich füge einfach mal ein paar Fotos ein, wie es jetzt so aussieht.

Vor dem Library-Projekt haben wir uns den Bänken und Tischen im Kindergarten angenommen. Die alten Bänke waren schon so rostig, dass man Abdrücke an der Fingerspitze hat, wenn man darüberreibt. Die Bänke der Älteren strichen wir grün, die der Jüngeren blau. Manjula, die inzwischen nicht mehr neue Kindergartenlehrerin und Uma [insbesondere letztere] haben sich sehr über den neuen Anstrich gefreut und uns zur Snacktime der Kinder mit ein paar „übriggebliebenen“ Keksen versorgt.

Nach dem Kindergarten sind wir in die Schule übergegangen, haben weiter grün gestrichen, dann einen gelben Lacktopf gekauft. Doch irgendwie schienen die Bänke und Tische lacktoseintolerant zu sein, das Gelb ist erst nicht getrocknet, und dann fix wieder abgeblättert. Wir haben also alle gelben Bänke mit grün überstrichen, aber das Gelb dadrunter war so hartnäckig unzuverlässig, dass auch diese Bänke ziemlich unzureichend schön sind. Naja, auf jeden Fall noch besser als vorher.

Außerdem gibt es jetzt wieder genügend Lehrer für alle Klassen. Meenakshi hat die Schule verlassen, sehr plötzlich, wir haben uns nicht mehr von ihr verabschieden können. Jetzt sind zwei neue Lehrerinnen eingestellt, Lakshmi, eine alte, nette Dame, und jüngere Smitta [keine Gewähr auf Schreibkorrektheit], die auch nach dem dritten Anlauf Lara und mich immer noch stur auf Kannada anquasselt.

Ich vermisse ein bisschen den regelmäßigen Umgang mit den Kids, auch wenn Nagendra und der Schachjunge, welcher letztens elf geworden ist, immer noch schnell angerannt kommen, sobald sie mich draußen sehen, um den coolsten Handchecker aller Zeiten zu machen. Sogar Lara kann das jetzt, nach sieben Monaten des Zusammenlebens.

Wir verstehen uns immer noch super, hatten zeitweise die Betten zusammengeschoben um besser Serien gucken zu können. Unser Zimmer bekommt mehr und mehr Wandschmuck: Ein zweiter Abholschein vom Schneider hängt jetzt in neben dem ersten, mit kleinen, abgeschnittenen, bunten Stofffetzen. Ein halbkaputtes Lesezeichen hängt an der Wand, damit es nicht weiter kaputtgeht und trotzdem noch schön aussehen kann. Wir haben sogar ein Windspiel aufgehangen, ein verrückter Kauf, den ich überhaupt nicht bereue. Wenn wir dann nachmittags oder abends zum Essen hin Durchzug machen und der Wind das -spiel zum Läuten bringt, erfreue ich mich erneut und erneut.

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[Dieses Bild ist nicht aktuell]

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Akka und ich beim Waschen. Geschossen mit Laras Analogkamera, die inzwischen wieder in Deutschland ist, weil die Qualität der meisten Bilder nicht überzeugend war. Schön, dass wenigstens diese zwei es in den Recall geschafft haben.

Die Nichte von Sister Alice, ihr Name ist Ashwini, ist auf längeren Besuch im Nachbarzimmer. Sie hat die Uni fertig und ist jetzt auf Jobsuche in Karnataka, weils da einfacher ist als in Kerala, wo sie herkommt. In der Zwischenzeit läuft sie gelegentlich mit uns zur Schule, wo ihr das Unterrichten aber genauso wenig Spaß macht wie uns.

Wir haben gerade auch so ziemlich viel Besuch. Die Woche über sind 24 Glaubensbrüder in dem Center direkt neben der Küche untergebracht, die sich für ihr Studium umliegende Dörfer anschauen müssen. Ich finde es erstaunlich, wie die Schwestern das alles schmeißen, und, juchee, das Essen ist seit ein paar Tagen ausgezeichnet und abwechslungsreich. Die Brüder, mit denen ich bisher geredet habe, waren alle sehr nett. Sie haben allesamt Theologie studiert und wollen Priester werden, das Brudersein ist scheinbar nur ein Zwischenstopp auf dem Weg zur Kanzel. Einer der Brüder kann sogar „Guten Morgen“ sagen und hat seine deutsche Phrase heute Morgen fröhlich eingeworfen, als wir verschlafen aus der Küche wieder in den Garten gegangen sind. Es ist total eigenartig, diese vielen Männerstimmen hier auf dem Grundstück zu hören, zu so etwas kam es noch nie. Auch hören wir sehr oft Gesänge aus der Kapelle neben unserem Zimmer [nicht Ashwinis Seite; die andere] – auf jeden Fall eine interessante Abwechslung, es können gerne öfter Leute hier übernachten.

Nun, sonst gibt es glaube ich nichts Neues.

An den Wochenenden haben wir oft Ausflüge gemacht. Nach Kundapur, wovon ich noch erzählt hatte, ging es nach Pondicherry und nach Auroville, nach Conoor, nach Mananthavady im schönen, grünen Distrikt Wayanad. Wir waren im hügeligen Kodaikanal und erneut in Bangalore bei unseren lieben Freunden.

Zuletzt die Pläne für den Herbst: Wir haben Dasara-Ferien. Die Schwester hat uns vor einiger Zeit schon die Daten genannt, Lara und ich haben unsere Züge und sogar Flüge gebucht. Nächste Woche Freitag, am 15.09., steigen wir in den Zug nach Bangalore, und dann in den Zug nach Mumbai, der in etwa zwanzig Stunden braucht. Lara bekommt Besuch von Ben aus Kenia und die reisen zusammen. Ich nehme etwas später, am 21.09. einen Flug nach Guwahati, Assam, Nordostindien, auch genannt „Seven Sisters“ – weil das sieben kleine Bundesstaaten sind. Meine Reisepartnerin Louise fährt von Bangalore aus und wir treffen uns da oben.

Noch sind keine bestimmten Routen geplant. Dort oben sind gerade ziemlich starke Fluten, was uns allen ein bisschen Bammel macht. Die aktuellste Nachricht, eine Woche alt, sagt allerdings, dass die Fluten zurückgehen und die Leute teilweise wieder in ihre Häuser ziehen. Ich bin gespannt, wie die Situation dort oben dann sein wird. Denn nach Überlegens unsererseits entscheiden wir uns, den Flug anzutreten, uns bleibt eigentlich keine andere Möglichkeit, die im preislichen Rahmen sein würde.

Dann, am 04.10. nehmen wir einen Zug von dort oben nach Varanasi, haben dort drei Tage und fahren anschließend mit einem weiteren gebuchten Zug innerhalb 51 Stunden nach Bangalore und Mysore. Ich bin schon jetzt gespannt auf diese abgefuckte Zugfahrt.

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Auf unserem Schulweg, neben dem Tempel.

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Dort befinden sich etwa sechs Welpen, von denen wir schon mit dreien Freundschaft schließen konnten. Sie heißen „Jumbo“ [weil er etwas dicker ist], „Hinkebein“ [weil er auf einem Bein hinkt, logischerweise] und Reinhold Messner [weil er viel klettert und Laras Herz wie einen Gipfel erstürmt hat].

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Das ist der Flohhund, der treue Bewacher der Bushaltestelle unseres Dorfes. Unsere Bushaltestelle besteht aus diesen Stufen. Er hat den Namen „Flohhund“ leider schon seit Anbeginn, der ist festgelegt und kann nicht mehr geändert werden. Dabei ist der Flohhund für mich so viel mehr als ein Hund mit Flöhen. Er ist nach-Hause-kommen. Wenn der Bus in der Dunkelheit ankommt, wann auch immer, der Flohhund schläft auf der Straße. Wenn wir uns nähern, wacht er auf, streckt sich, hustet und ist für Liebe bereit. Er ist wundervoll. 

Arambol + Anjuna, last stop

In Pune steigen wir in den Sleeperbus. Um Mitternacht klettern Lara, Eva und ich zu Louise und Julia in die Oberkoje, um Louise zum Geburtstag zu gratulieren. Wir haben auf die Schnelle noch ein kleines Gedicht zusammen verfasst. Da es bei kurviger Fahrt schwer war, sich ausreichend festzuhalten (besonders, wenn man zu fünft in der engen Kabine da oben ist), hielt sich eine Hand an der Vorhangsstange fest, die daraufhin heruntergeknallt ist. Wir lachen ein wenig, versuchen, sie wieder reinzudrehen, doch sie fällt wieder heraus. Um die Privatsphäre auf der weiteren Strecke von Julia und Louise war es also geschehen.

Unsere Destination, als der Bus in Mapusa, Goa hält, ist der Strand Arambol. Auch da war schon Nebensaison, wie irgendwie überall im Lande, und so fanden wir ein billiges Hostel mit Meerblick, direkt bei großen, schwarz aufragenden Klippen. Wirklich schön. Wir haben gut gegessen, waren eines Nachts sogar im Meer schwimmen, was eine schöne und spannende Erfahrung war. Man sieht die Wellen nicht richtig, sondern spürt sie nur, steht dort in der Dunkelheit zusammen im Kreise und lässt sich von der Wellenenergie ein bisschen umhertragen.

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Aussicht vom Hostel

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Sonnenuntergang

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Teures, aber leckeres Essen am Abend von Lara und Louise

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Idyllische Abendtische am Strand

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Felsen

Wir haben kein Sightseeing gemacht, deshalb kann ich da nur wenig berichten. Aber eine Sache, die mir dort in Arambol passiert ist, ist erwähnenswert:

Neben unseren beiden Zimmern im Hostel war ein etwa 40-jähriger Mann einquartiert worden. Die anderen waren noch im Restaurant, ich hatte keinen Hunger und bin schonmal ins Hostel vorgegangen, um eine Dusche zu nehmen und den Sand aus den Haaren zu kriegen. Als ich dort ankomme, lehnt der neue Nachbar aus seiner Türe heraus und wir unterhalten uns ein wenig. Er käme aus Sibirien und mache jetzt Urlaub, weil es in Sibirien so kalt ist. Er meinte, dass er gerne massiert, und hat mich in sein Zimmer eingeladen.

Ich lehne ab, sichtlich angeekelt, verziehe mich ins Zimmer, um zu duschen.

Draußen hänge ich das Handtuch auf, und setze mich mit einem Buch nach draußen, als der Nachbarsmann wieder rauskommt. Ich sehe, dass der Herr nackt ist, und bitte ihn, sich zu bedecken. Er zieht eine Hose an, während er weiter über Massage quatscht. Ich erkläre ihm, dass ich es nicht mag, massiert zu werden, während er sich hinhockt und anfängt meinen Unterschenkel mit seinen Händen zu quabbeln. Ich sage ihm, dass er aufhören soll. Zum Glück hört er auch auf, hockt immer noch dort, und gibt seine Deutsch-Kenntnisse preis. Ich höre zu, frage mich, wie ich jetzt möglichst schnell aus der Situation rauskomme, als Eva die Treppen zum Laubengang des Hostels hochkommt, weil sie ihren Geldbeutel holen musste. So kann ich flüchten und dem Grabbelrussen, diesen Namen hat der komische Mann jetzt erhalten, entkommen. Da ist man einmal alleine „daheim“ und dann passiert solch ein ungewollter Übergriff. Ich kann ja fast stolz sagen, dass mein erstes Mal Antatschens in Indiens nicht, wie man wohl denken könnte, von einem Inder ausging, sondern von einem Reisenden.

Am folgenden Tag hat unser Nachbar sich eine Freundin angeschleppt, die auch die nächsten Tage bei ihm geblieben ist. So wird uns wenigstens etwas wohler bei der Sache, wenn er mit seinem Astralkörper nicht mehr einen von uns, sondern seine Freundin beeindrucken will. Trotzdem drehen sich unsere Augen noch angewidert weg, wenn er des Morgens in einer knappen Badehose über den Laubengang läuft und am Treppenabsatz Kniebeugen und weitere Stretchings macht.

Ekelhaftig, ey.

Eine weitere überraschende Sache war ein Frühstück, was wir einnahmen. Der Mann am Nebentisch hatte noch ein Sandwich über, was er nicht mehr wollte, und uns geschenkt hat. Wir, alle inzwischen etwas zweifelnd, was Geschenke von Fremden angeht, nehmen das Sandwich zögerlich, jeder in der Runde nimmt einen Bissen und versichert, dass es gut schmeckt. Wir waren den ganzen Tag satt von unserem, durch das Sandwich vergrößerte Frühstück. Hiermit einen Dank an den Sandwichmann, der uns den Tag versüßt hat.

Gut. Wir entscheiden uns nach zwei Nächten in Arambol dazu, noch einmal den Strand zu wechseln. Als wir in Mumbai waren, welcher Zeit wir immer noch mit schönen Erinnerungen nachhängen, hat Gunjan uns erzählt, dass er auch mal eine Weile in Goa gelebt hat, und zwar in Anjuna. Wir nehmen ein Taxi, drehen die Musik auf und erleben eine schöne, vierzigminütige Fahrt über Brücken, durch Palmen, und Wind. Gunjan hat uns für Anjuna das Goamazing empfohlen, welches wir auch direkt finden.

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von der Fahrt

Die Leute dort sind sehr nett, es gibt einen Guatemalteken [ich hab das extra gegoogled] namens Julio, eine Deutsche namens Diana, einen Italiener namens David, und einen Franzosen namens Teddy, von denen die ersten zwei das Hostel leiten. Viele weitere Reisende sitzen dort herum, unterhalten sich, schlafen in Hängematten, rauchen oder hören Musik. Diana erzählt uns, dass das Grundstück eigentlich einer einheimischen Familie gehört, sie sich aber darum kümmern, dass das Hostel aufgebaut wird, einen Namen und ein bisschen Berühmtheit bekommt. Als wir dort waren, saß David gerade an Plänen für die Betten, die sie in die kleinen Hüttchen zimmern wollen. Das Hostel lebt von der Gemeinschaft. Überall sind Kunstwerke an die Wände gepinselt worden, ähnlich wie beim Couchsurfer in Aurangabad, nur schöner. Sogar Gunjan hat sich dort verewigt, und als wir ihm ein Bild seines Bildes schicken, ist er überrascht, dass es immernoch da ist.

Am Abend machen wir nicht mehr viel, gehen müde duschen und schlafen, da die feuchte Luft einem die Schweißperlen nur so aus dem Inneren saugt und als schwere Tropfen auf den Boden der Tatsachen befördert.

Am Morgen frühstücken wir in einem teuren, fancy Café und machen tagsüber nicht viel. Ein bisschen Wäsche waschen, den Strand bei Anjuna auschecken, der leider voller Müll und Felsen ist. Am Abend versuchen wir, uns beim Abendessen zu beteiligen und wollen Samosas kaufen. Eva und ich fahren zusammen mit Julio und David dorthin, zur „Samosa-Junction“, so nennen sie die Kreuzung mit dem kleinen, blauen Samosastand auf Rädern. Er hatte zu. Die Menschen, die dort gegenüber auf einer Mauer sitzen, erklären uns, dass der Laden zu hat.

Der Laden hat also zu, und wir fahren zurück und essen Sandwiches und Obstsalat.

Am nächsten Morgen frühstücken wir erneut im Artjuna Café und verbringen einiges an Zeit damit, in der Luft des Ventilators dort herumzusitzen.

Am Nachmittag machen wir eine Motorrollerreise zu einem anderen Strand, der gut eine Stunde entfernt ist. Wir hatten sieben Scooter, waren 14 Menschen: Passt perfekt. Jeder von uns springt bei jemand anderem hinten drauf und in einer langen Parade düsen wir über die Straßen, die Fahrt war sehr schön.

Auch der Strand, an dem wir waren und dessen Namen ich jetzt nicht mehr weiß, war sehr schön. Wir waren so gut wie die Einzigen dort, es gab eine Höhle (in die wir wegen der Flut gerade leider nicht reinkonnten), und einer aus der Goamazing-Truppe hatte ein Didgeridoo dabei. Wir haben einen wunderbaren Sonnenuntergang gesehen und sind durch die Wellen geschwommen, so gut das bei dem starken Wellengang funktioniert hat.

Auf der Rückfahrt war es schon dunkel. Ich erinnere mich noch, als wir dort durch die Dunkelheit gefahren sind, mit nichts als dem Motorengeräusch und dem Wind, der angenehm kühl auf der von Meer und Schweiß versalzenen Haut war. Ich schaue nach oben, als links und rechts gerade nicht so viele Palmen waren, und sehe Sterne über Sterne. Ein schöner Moment.

Der letzte Tag war dann auch schon jener des Aufbruches. Eva und ich buchen unsere Busse nach Mysore und Bangalore, leider nicht die gleichen, und wir bemerken, dass wir uns beeilen müssen, wenn wir diese denn auch bekommen wollen.

Wirklich nette und entspannte Leute dort im goamazing. Wenn wir über ein längeres Wochenende die Zeit haben, werden wir dort auf jeden Fall nochmal einen Besuch abstatten. Ich bin gespannt, wie viel sich dann dort verändert haben wird. Ich muss außerdem noch die Sonne zu Ende malen, die ich schon mit Kugelschreiber auf die Wand gemalt habe.

Wir haben also gar nicht mehr so viel Zeit, verabschieden uns von den netten Leuten und steigen in den A/c bus. Zurück nach Mysore. Zurück nach Hause.

Die Reise war super. Wir haben so viel gesehen und erlebt, einen Haufen Geld für Essen ausgegeben, was sich aber doch fast immer gelohnt hat. Wir haben viele Tempel gesehen und Menschen kennengelernt, es ist noch so viel mehr passiert als das, was ich in diesen vielen Blogeinträgen erwähnt habe. Ich bin sehr dankbar für diese lange Ferienzeit, eineinhalb Monate am Stück reisen, das ist doch verrückt. Und schön.


Die Bilder wurden von der begabten Lara(akka) geschossen und bereitgestellt, die auf instagram unter dem Namen laravalentinax zu finden, und der dort auch gerne zu folgen ist.

Aurangabad, da wo es keine billigen Hotels mit Internetpräsenz gibt

Morgens um vier Uhr kommen wir am Bahnhof von Aurangabad an. Ich hatte den Ort ursprünglich mit Karlo rausgesucht, weil nicht weit enfernt interessante Höhlen sein sollten, die wir uns dann anschauen wollten. Karlo ist zwar nicht mehr dabeigewesen, aber wir haben die Stadt Aurangabad trotzdem im Plan gelassen. Morgens um vier war es jedenfalls sehr still in der Stadt. Louise und ich machen uns auf, um ein billiges Hotel zu finden, weil das Internet da absolut nichts zu bieten hatte.

Wir finden kein billiges, und kehren unmotiviert und mit leeren Händen zurück zum Bahnhof, wo unsere Crew es sich auf zwei Bänken bequem gemacht hat.

Wir schlürfen erstmal einen Chai und sehen, dass der nächste Zug nach Pune geht. Wir überlegen: Genausogut könnten wir auch nach Pune fahren, da diese Stadt eh die nächste auf der Reise sein wird, weil wir dort in einen bereits gebuchten Bus umsteigen müssen.

Da wir also kein Hotel gefunden haben und damit ratlos sind, gucken wir nach einem Couchsurfer. Für die alten Leser, die sich im Indernetz nicht auskennen, erläutere ich hiermit, dass es sich bei einem Couchsurfer um einen Menschen handelt, der sein Heim im Internet für Reisende kostenlos zur Verfügung stellt. Eine ziemlich nette Sache, bei der man oft sympathische und interessante Leute kennenlernt.

Wir haben tatsächlich einen gefunden, der uns nett erschien, ihn angeschrieben und uns nach dem Erhalt seiner Antwort sofort auf den Weg zu ihm gemacht. Der Courchsurfer war Arzt, er erzählte uns, dass er vor Kurzem befördert wurde und jetzt Gehirn-OP’s macht. Seine Bude war etwas heruntergekommen, an den Wänden haben sich einige ehemalige Couchsurfer verewigt und Kunst mit Edding oder Ähnlichem an die Wände gemalt. Es sah aber doch annehmbar nett aus. Geschlafen haben wir in der ersten von zwei Nächten noch zusammen mit einem Mädchen aus China, die auch übers Couchsurfen dort war. Es gab ein seperates Zimmer mit großem Bett, dann ein Einzelbett, zwei Matratzen auf dem Boden, ein Sofa und noch einen Platz im Bett des Gastgebers, der dort allein gewohnt hat.

Nach unserer Ankunft musste unser Gastgeber auch schon ziemlich schnell zur Arbeit, im weißen Kittel hat er uns die Hand gegeben und uns der anderen Couchsurferin überlassen, mit Motorradhelm unter dem Arm hat er die Wohnung verlassen.

Er hatte eine Waschmaschine, die wir direkt erstmal benutzt haben. Danach haben wir uns aufgemacht, um diese Höhlen zu besichtigen, von denen wir im lonely planet dann noch ein zweites Mal gelesen haben. Die Ellora-Caves waren etwas außerhalb, mit einer etwa einstündigen Bustour haben wir den Weg aber recht schnell gefunden.

Ich dachte, das wäre einfach eine große Höhle, aber es waren viele unterschiedliche. Die hinduistischen Statuen, die Säulen und freien Flächen waren schon sehr beeindruckend. Die Höhlen wurden an einem Stück aus dem Felsen geschlagen – ich blende ein paar Bilder ein.

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Da gab es einige digge Oschies zwischen den massiven Felsen.

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Wir haben das Licht genutzt.

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Der Denker auf einer indischen Toilette — 2017

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Close up.

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Eva, 21, führt eine Grenzkontrollenchoreographie mit Pakistan in den Ellora-Caves nahe Aurangabad durch.

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Julia, 19, müde.

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Für ein bescheuertes Gruppenselfie mit Glanzgesichtern hat die Energie dann aber doch noch gereicht.

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Worüber lache ich denn, dass man trotz der Dunkelheit den Schweißfleck sehen kann [der, wenn man die Hitze bedenkt, viel zu klein ist].

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Das war eine krasse Höhle. Wir sind da gerade in eine Führung reingeplatzt, und der Führer hat gerade die tolle Akustik des Raumes angepriesen, indem er laut gesungen hat. Es war wunderschön.

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Die Decke sieht aus wie ein Großfamilientoaster. Oder so ein Abtropfmetallteil für Teller.

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Als kleine Anlehnung an Mumbai machen wir mit diesem Schild ein Foto. Auch dort in der Höhlenanlage kamen wir wieder in die Schusslinie einiger ungewollter Schlaugeräte.

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Ich habe mir versucht, vorzustellen, wie die das wohl alles rausgemeißelt haben. Der Versuch ist mir misslungen.

DSC03417 sie mögen sich

Ein bisschen Sonnenlicht. Ohne ist es ja noch nicht warm genug, nein. Ich freue mich, dass ich größer bin als Louise.

DSC03418 von oben fliegt die erde einen elliptischen kreis

Dieser Fels ist ein bisschen zu orthogonal.

Wir hatten alle einen ziemlichen Hänger, als wir dort waren. Nur in den Höhlen drinnen, von denen manch eine Decke mit schwarzen Schimmelporen bedeckt war, konnte man es aushalten. Draußen war es brodelnd heiß, sodass unsere Gesicher permanent mit einer Schicht Glanzschweiß bedeckt waren.

Am Abend, als wir zurückgekehrt sind und die weiße Wäsche aus der Waschmaschine nehmen, entdecken wir noch mehr Flecken auf den Shirts als vor dem Waschgang. Das ist krass, weil wir eigentlich dachten, es ginge nicht schlimmer. Durch den Straßendreck und den Schweiß, vielleicht auch das Deo, färben sich alle weißen Sachen irgendwann leicht grau, leicht gelb oder braun, keine Waschbürstenbehandlung meinerseits oder auch Meister-seits hat diese entfernen können. Inder Waschmaschine konnte da auch nichts mehr getan werden. Schade.

Nachdem unser Gastgeber wieder da war, hat er ein paar Freunde eingeladen. Eine grenzüberschreitende Freundin mit Locken, dann ein DJ straight outta Pune. Pune wurde bei uns schon zu einem Insider, daher fanden wir den Zufall, dass er daher kam, sehr witzig.

Hier zwei Fotos dazu, die am Bahnhof entstanden sind:

Am Abend haben uns die drei Leute von dort in eine Bar eingeladen, in der es „deutsches“ Bier gab. Aus Zapfhähnen. Wir haben drei verschiedenfarbige Biere probiert, von weiß-gelb über gelb bis dunkelgelb. An dieser Stelle Shoutout an meinen Sari, der ist nämlich auch gelb. Es hat nicht sehr gut geschmeckt, das Bier, aber wir hatten leckere Pizza und auch gute Sandwiches.

Zu Hause haben wir noch etwas getrunken, Musik gehört und gequatscht. Als wir gegen drei schlafen gehen wollten, bekommt unser Gastgeber eine Nachricht auf sein Schlaugerät. Er ruft ein böses Schipfwort und schmeißt sein Schlaugerät auf das Bett. Er hat gerade eigentlich Bereitschaftsdienst, und müsse jetzt, nachts um drei und betrunken, wie er ist, ins Krankenhaus, operieren.

Wir denken uns nur so „oh, und was nun?“, während der Arzt sich Schlüssel und Helm schnappt und losdüst. Ich hoffe seit dem Tage also, in den übrigen dreieinhalb Monaten Indiens nicht auf den OP-Tisch kommen zu müssen.

Am nächsten Morgen besorgen wir uns aus dem more [eine große Supermarkette hier] Zutaten, um „Armer Ritter“ zu machen. Ich stehe in der Küche und wende die Weißbrotscheiben, die in Milch und Ei getunkt sind. An Stelle von Zimt streue ich Kakaopulver drüber, warum auch nicht, schmeckt sicher gut. Das Tellenanrichten endet bei Erdnussbutter, geschnittener Banane und frischester Mango – ein göttliches Frühstück. Der Couchsurfer, schon wieder zur Arbeit ausgeflogen, hatte uns empfohlen, das Baby Taj Mahal anzuschauen. Gruppe Sonnenschein hat das in Agra schon versäumt (denn da gab es auch so einen kleinen Ableger des Taj Mahals).

Es war schon dunkel, als wir ankamen, und das Ding war nur wenig beleuchtet. Es hat sich überhaupt nicht gelohnt, auch nicht für Lara, deren erstes Taj Mahal jenes in Aurangabad war.

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Ok, ein bisschen Licht gab es.

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Allerdings nicht genug, um mit der Polaroidkamera ein Foto des Baby Taj Mahals machen zu können.

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Aurangabad hat sich einfach nicht gelohnt. Am Abend sind wir nach einem leckeren, vegetarischen Essen recht zügig schlafen gegangen. Aber als wir da in dem neueröffneten Restaurant um die Ecke vom Couchsurfer waren, kam dieser mit einem Arbeitskollegen noch zu Besuch, weil er auch etwas essen wollte. Bei dem Bemerken, dass es dort allerdings nichts mit Fleisch gibt, gehen er und sein Kollege wieder. „Hier gibt es kein Fleisch? Ok, komm Kollege, wir suchen uns was anderes.“ Ich lasse das unkommentiert.

Am nächsten Morgen machen wir uns dann auch schon mit dem Zug auf nach Pune, wo wir in den Bus nach Goa umsteigen werden; unser letztes Reiseziel.

Eine Sache ist an dem Bahnsteig, an dem wir vorgestern schon so viel Zeit verbracht haben, aber noch passiert.
Wir hatten uns gerade Essen vom Bahnhofsrestaurant [dort ist das Essen meistens ganz gut und nicht teuer, kein Vergleich zu den Preisen an deutschen Bahnhöfen] mitgenommen, um am Gleis direkt zu essen, sodass wir den Zug nicht verpassen.

Wir fünf sitzen in einer Reihe und packen unser Essen aus, als sich langsam ein alter Mann nähert und vor Lara die Hand öffnet und stehen bleibt. Er bettelt, Lara gibt ihm ein Chappatti in die Hand. Er bewegt sich ohne ein Wort oder eine Veränderung des Gesichtsausdruckes weiter zur nächsten Person, dann noch einen weiter, bettelt, mit dem Chappatti in der Hand. Als er bei Julia ankommt, gibt er es auf und klatscht ihr das trockene Chappatti auf ihr Knie.

In der morgendlichen Hektik und gleichzeitigen Stille des Augenblickes schauen wir uns müde an und müssen lachen. Ich kann das hier, wie das bei Momentkomik nunmal so ist, nicht besonders gut widergeben, aber der Moment als Julia Laras Chappatti aufs Knie geklatscht wurde, war sehr lustig.

Das noch als Anekdote und letzte Erinnerung an Aurangabad. Laut meinem Tagebuch war die Zugfahrt nach Pune stressig, weil da laute Zwilligskinder waren, die dasselbe anhaben. Die Kids haben die zehnstündige Fahrt über den Tag nicht gerade erhellt, auch wenn ihre verwandten Erwachsenen sehr nette Leute waren.

In Pune haben wir uns nur in ein Restaurant gesetzt, für mehr war keine Zeit, zu schwere Last und keine Lust. Lara kommt von der Toilette wieder, und sagt, dass sie nicht auf Toilette gehen konnte, weil das Loch mit dem kleinen Ventilator direkt in die Küche gehe, und da ein Mann hocke, der einen bespannert. Juhu, Pune! Prima Stadt.


Die Bilder wurden von der begabten Lara(akka) geschossen und bereitgestellt, die auf instagram unter dem Namen laravalentinax zu finden, und der dort auch gerne zu folgen ist.

Mumbai – besser als beim ersten Mal

Da Julia, wie auch ich, schonmal in Mumbai waren und wir wussten, dass die Hotels hier sehr teuer sind, haben wir Lawrence um Rat gefragt, der uns sofort die Handynummer eines Freundes von ihm geschickt hat – wir schreiben also Gunjan an, um ihn namentlich zu erwähnen, und er dirigiert uns zu seiner Wohnung im elften Stock einer Wohnanlage in Santa Cruz East. Müde und verschwitzt kommen wir an, klingeln und versuchen dabei nicht so auszusehen, als sei es total merkwürdig, dass gerade fünf stinkende Mädels vor der Wohnungstür eines Fremden stehen, um dort die nächsten zwei Nächte zu verbringen.

Tatsächlich war es dann aber gar nicht so komisch. Es stellte sich heraus, dass Gunjan ein wunderbar netter Mensch von 33 Jahren ist, der von zu Hause aus Internetseiten „cooler gestaltet“ – so ungefähr hat er es gesagt. Wir bemerken unsere gleiche Wellenlänge und fühlen uns sehr wohl in seinem trauten Heim, das er mit einem zurzeit-nicht-anwesenden Mitbewohner teilt.

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Die Aussicht, mal wieder: Ein Slum, ein Fußballplatz und Wolkenkratzer im Bau, die man nicht ganz sieht.

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Blödgesichtig genieße und -nutze ich den Schaukelstuhl auf dem Balkon.

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Das Badezimmer im Abendsonnenlicht.

Nachdem wir nacheinander in dem Badezimmer, in dem manchmal Tauben sitzen, geduscht haben, wurde es schon dunkel. Wir haben Pizza bestellt, und diese mit all unseren Geschmacksknospen genossen.

Ich weiß nicht mehr, wie wir drauf kamen, aber Gunjan ist aufgestanden und hat ein Xylophon aus dem Schrank geholt, auf dem wir alle ein bisschen geklimpert haben. Ich war positiv überrascht, dass er ein Xylophon hat, sehr sympathisch.

Am Abend kam dann Lawrence vorbei, die Wiedersehensfreude war groß – Lawrence hat uns gefragt, ob Gunjan uns denn schon seine Musik und seine Kunst gezeigt hat.

„Nur teilweise“, war die Antwort, woraufhin Gunjan zwei lange, metallene Flöten aus dem Schrank zieht. Meine Meinung zu Flöten ist eher negativ, sie erinnern mich an erzwungenen Musikunterricht in der Grundschule und damit einhergehende Ohrenschmerzen wegen zu starker Dissonanz, die aus dem kleinen Loch auf der Unterseite der Blockflöte ertönt.
Aber diese Flöten, die Gunjan da hatte, haben mich sehr überzeugt. Sie klangen sehr schön. Lawrence hatte da die Idee, dass er zu einem Lied mitspielen könnte – er schaltet das Lied also an, irgendein Lied mit Rap (welches mir an sich nicht gut gefallen hat), und in einem Zwischenpart kommt eine Flötenmelodie, die sich klanglich ähnlich anhört wie Gunjans Flöte. Er spielt die Melodie mit und ich bin von dem plötzlich ertönenden Surroundsound fasziniert. Da war das Lied dann auch gar nicht mehr so blöd!

Der Tag zog ins Lande und in die Nacht, wir breiten Matten im Wohnzimmer aus und schlafen einen schönen, tiefen und ruhigen Schlaf.

Am nächsten Tag besuchen wir das Mahalaxmi dhobi ghat. Dhobi bedeutet Wäsche, Waschmeister – so etwas in die Richtung. Auf unserem Weg, der eigentlich nach Colaba führt, steigen wir also kurz aus und schauen uns oben von der Straße das große Slumgebiet an, in dem lange Wäscheleinen mit weißen Laken, Hemden, und allerlei Gewand hängen. Lara schießt Fotos, wir verweilen kurz und steigen wieder in die Metro ein.

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Es war voll in der Metro.

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Ein Hochkant-Bild von …

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den ghobi ghats.

Das Stadtviertel Colaba, das Touristenviertel im südlichsten Teil von Mumbai ist unsere Destination. Julia und ich sind beide schon, separat voneinander, dort gewesen – das Gateway of India findet sich da auch an der Küste.

Dennoch schauen wir uns erneut das Gateway an, doch dieses Mal war da so viel los, dass uns statt Blut der Stress durch die Adern gepumpt wurde. Überdurchschnittlich viele Menschen haben uns nach einem Selfie gefragt, seien es Familienväter, -Mütter, Jugendliche oder Alleinunterwegsler. Und trotz unseres deutlichen Ablehnens, wurden zu oft trotzdem Fotos gemacht. Gelegentlich wurde auch gar nicht gefragt. Inzwischen kennen wir diese Kiste zwar, aber dieses Mal hat es doch stark gestört.

Eva und ich umrunden das Gateway, während Lara, Louise und Julia etwas entfernt auf einer breiten Treppe sitzen, die gleichzeitig auch eine Mauer ist. Viele Leute sitzen da. Als Eva und ich von unserem Exkurs wiederkamen, fanden wir drei abgefuckte Freundinnen vor. Als wir uns dazusetzen, um etwas auszuruhen, sehen wir dann auch den Grund des Aufregens: Die Fotografiererei; Erneut und wieder einmal. Der Mauervorsprung bestand aus zwei großen Stufen, und während wir beständig auf der oberen Stufe saßen, wechselte die Sitzplatzierung auf der unteren Stufe sich gemächlich ab. Familienmitglieder machen es sich nacheinander bequem, ein Elternteil steht davor und schießt ein Bild – mit uns im Hintergrund. Auf unser Sprechen hin, dass wir nicht auf den Fotos sein wollten, wird nicht reagiert.

Rasend schlecht gelaunt verlassen wir also die Bildscheibe der Fotografie und stellen uns an das Ende einer Schlange für Bootstouren. Für 70 Rupien pro Person cruisen wir einmal durch das Meer beim Gateway, während die Sonne alles orange färbt und das wellenschlagende Wasser zum Glitzern bringt.

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Die Himmelslinie vom Boot aus. 

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Nachher sitzen wir im Leopold´s, ein berühmtes Café, nicht weit vom Gateway. Vor ein paar Jahren fand dort im Jahr 2008 ein Attentat statt, bei dem es an zehn verschiedenen Orten nahe Colabas zu Bombenangriffen, Geiselnahmen und Schießereien kam. Im Leopold’s gab es dabei eine Schießerei, viele Menschen sind in dem kurzen Zeitraum getötet und schwer verletzt worden.

Das gut besuchte Café befindet sich an einer Ecke von zwei großen Straßen, und in dem Roman „Shantaram“ von Gregory David Roberts ist das Café ein Schauplatz, der sehr oft vorkommt.

Ich empfehle dieses eintausend Seiten dicke Buch wirklich von Herzen: Es geht um einen Typen, der in Australien aus dem Gefängnis ausgebrochen ist, und dann nach Indien fliegt und in Mumbai mit einem falschen Pass lebt und erlebt. Viele der erzählten Dinge sind dem Autor wirklich passiert, und auch, wenn manche Dinge hinzugefügt worden sind, gibt das Buch eine sehr anschauliche Sicht auf Indien und besonders Mumbai. Ein wirklich lesenswerter Schinken, in dem man seine Gedanken an andere Dinge völlig verlieren kann.

Mit Gedanken an die Vorfälle sitzen wir in dem proppenvollen Café und schlürfen einen übersüßten Eistee.

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Da draußen vor dem Leopold’s waren zwei Katzenbabys. Der Junge, der den Stand nebendran betreut hat, bot uns die beiden Spätze für 200 Rupien zum Verkauf an.

Als wir nach einem kleinen Mahl bei Gunjan wieder aufbrechen, geht es zu der Abschiedfeier von Lawrence. Der Gute hat sein letztes Wochenende in Mumbai, bevor es für ihn zurück nach Kenia geht. Wir kommen leider viel zu spät und treffen nur noch kurz auf seine Mitfreiwilligen (jene, die wir auch teilweise in Jaipur kennengelernt haben). So gehen also Lawrence‘ Freunde und wir stehen hungrig vor den Türen des Kitty Su. Dort stand ein fahrender Essensstand, und nachdem wir die Preise gecheckt haben, bemerken wir, dass unser Geld nicht ausreicht. Zwei Inder um die dreißig sehen unser Problem und fangen ein Gespräch mit uns an, fragen unter anderem, ob wir vegetarisch oder Fleischesser sind. Dann bestellen sie für uns Essen, obwohl wir das abgelehnt hatten. Kurz darauf gehen die beiden Essensretter ihres Weges und lassen uns dankbar auf den Stufen des Kleinlasters sitzen, während unser (sehr leckeres) Essen zubereitet wurde. Ich meine, es wären Wraps gewesen, die wir dort nach der gefloppten Abschiedsparty zu uns genommen haben.

Als wir wieder bei Gunjan ankommen, war die Müdigkeit übermannend und wir fallen ermattet zu Bette – nein, zu Matte.

An unserem letzten Tag ist Eva früh erwacht und hat Frühstück für uns alle gekauft, was wir dankend entgegengenommen haben. Wir genießen gute Sandwiches und verbringen den Tag in der Bude. Eigentlich stand zu Lawrence‘ Ehren noch eine weitere Abschlussparty an – eine Poolparty – aber er ist stark am Überlegen, ob er wirklich gehen soll oder nicht. Da erwähnt Gunjan, dass auch oben auf dem Dach des Apartmentblocks ein Pool ist, der für alle Bewohner zugänglich ist.

Wir nutzen das, und machen es uns dort oben gemütlich, schwimmen umher, genießen die Sonne, das gute Wetter und das frischluftbringende Lüftchen.

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Der Pool auf dem Dach

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Gunjan auf dem Dach.

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Es gab verschiedene Fotos von Lawrence, und auch wenn der Gute da komisch guckt, mochte ich das Lächeln, daher muss der Betrachter die fehlenden Augen jetzt einfach hinnehmen. Höhö.

Zu bald mussten wir uns zum Zug aufmachen, sodass die letzte Dusche und das Packen recht schnell über die Bühne ging. Wir verabschieden uns schmezlich von unseren beiden, lieben Leuten und düsen mit der Rikscha los.

Mumbai als Stadt gefällt mir immer noch nicht. Die Metro war voll, es wurde begrapscht, die Armut ist sichtbar und neben der Hitze und dem Verkehr bedrückend.

Im Gegensatz dazu haben wir einen wunderbaren Menschen in Mumbai zum Freund gefunden, und ich freue mich unheimlich, dass Lara und ich nächsten Monat schon die Möglichkeit haben, wieder hinzufahren.


Für die Leseratten habe ich noch eine weitere Buchempfehlung: Als Lawrence abends zu Gunjan kam, hat er das Buch milk and honey von Rupi Kaur mitgebracht. Dies ist eine nordindische Autorin, Milk and honey ein wundervoller Gedichtsband. Dieser ist in fünf Teile eingeteilt und handelt von einer Beziehung, die die Autorin hinter sich gelassen hat. Ich will gar nicht zu viel verraten, außer dass es ein sehr intensives und gedankenhinterlassendes Stück Literatur ist. Mit schönen Karikaturen.


Die Bilder wurden von der begabten Lara(akka) geschossen und bereitgestellt, die auf instagram unter dem Namen laravalentinax zu finden, und der dort auch gerne zu folgen ist.

Udaipur, the city of lakes

Wir kommen mit dem Bus an und lassen uns, mal wieder morgens früh zu einer Stunde, wo keiner auf den Beinen ist, zu Nachttarif zum Moustache Hostel fahren, in welchem wir auf Empfehlung von Lawrence und seiner Truppe schon übers Internet reserviert haben.

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Ein Flur mit Licht im Moustache

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Die Gasse vom Moustache. In dieser haben wir auch einen supersüßen Hund kennengelernt, der statt bellens Geräusche gemacht hat, die ich nicht mit Worten beschreiben kann. Er war herzzerreißend niedlich, so viel kann ich sagen.

Wir wecken die Leute vom Hostel, checken ein und schlafen aus – um 12:55 Uhr sitzen wir im Café Edelweiss, ja, das heißt tatsächlich so – eine Empfehlung von Lisa aus Mysore. Dort saßen wir in einem schicken, mit Spiegelmosaiken versehenen Eckchen und essen für zu viel Geld eine zu kleine Menge an Brotschnitten und Pancakes.

Wir haben den Tag verziehen lassen, indem wir ein wenig umhergelaufen sind, den City Palace von außen angeschaut haben, wieder etwas gegessen und in dem Gemeinschaftsbereich des Moustache Hostels gesessen haben. Das Moustache Hostel ist ganz ähnlich wie das Stops: Die Leute waren ebenso nett, ich habe eines Abends mit dem Inhaber sogar Tischtennis gespielt [oh Mensch, wie lang hab ich das nicht mehr gemacht] – und das war, ja, wie gesagt, sehr nett. Die Wände des Eingangsbereiches sind voll von Empfehlungsschreiben ehemaliger Übernächtiger, und wenn man die Stufen hochläuft, liest man nur Gutes. Auch mich haben sie gefragt, ob ich nicht irgendwas schreiben oder malen wolle, also habe ich den Raum gemalt, in dem ich da gerade saß. Es gibt ein Bild von dem Bild und meinem Gesicht:

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Eine Wasserflasche auf einem Kühlschrank, ein Whiteboard mit Text und dem gemalten Bild und ne lächelnde Laura.

Udaipur war außerdem eine willkommene Abwechslung. Die Stadt heißt nicht umsonst City of Lakes: es gibt zwei große Seen, an welchen Udaipur liegt, und durch diese ist es weitaus kühler dort, obwohl es immernoch in Rajasthan liegt. Wir alle genießen die kühle Luft, jetzt ist es also nur noch 41 Grad. Unser Achterzimmer ist im dritten oder vierten Stock, und auf jeder Treppenhaus-Zwischenebene befindet sich eine zerlöcherte Wand, durch dessen walnussgroße Löcher man nach draußen sehen kann. Ich halte oft auf dem kleinen Absatz inne, weil durch die Löcher eine gute Menge an Luft kommt. Diese Art von Windbringung haben wir oft in Rajasthan gesehen, und mir gefällt sie sehr gut, ästhetisch wie praktisch.

Unsere Freunde aus Jaipur haben uns außerdem noch empfohlen, morgens bei der Yogalehrerin vorbeizuschauen, die nebenan morgens um sieben Uhr immer ihre Stunden gibt, und das sogar kostenlos. Als wir die Leute unten an der Rezeption danach fragen, erklären sie uns den Weg dorthin.

Am Morgen schaffen allerdings nur Eva und ich es, uns aufzuraffen. Und es stellt sich heraus, dass die Yogastunden nicht stattfinden, da vor einer Woche die Nebensaison eingesetzt hat. Wenn wir morgen unsere ganze Gruppe mitbringen würden, könnte die Yogalehrerin allerdings angerufen werden, und dann würde sie mit uns eine Stunde machen. „Alles klar“, sagen wir, gehen wir, treppen hinauf und machen unser eigenes Yoga mithilfe eines Youtubevideos. Die Härte des Bodens und die Gesichtssonnenbrandparanoia zu dieser frühen Stunde, in der ich hätte schlafen können, haben mir, neben dem Yogavideo, nicht sehr gut gefallen.

Nach unserem Frühstück schauen wir uns den City Palace von innen an.

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Der Torbogen am Eingang mit der Silhouette eines beturbanten Wachmanns.

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Die Aussicht.

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Louise und Laura, wie sie sich die Aussicht angucken und den Wind genießen, der dort hochgepustet wird.

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Der City Palace von innen. Rechts auf der Seite war ein Restaurant, was sehr sehr teuer war.

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Diesen Straßen-Lime-Juice habe ich auch schon mit Karlo in Rishikesh getrunken, als es mir so speiübel ging. Ich hatte bisher gute, aber auch einige schlechte Säfte von diesen getrunken. Einer davon war sogar mit Masalagewürz – was ich an diesem Stand hier dann schnell abgelehnt habe, als der Verkäufer es angeboten hat. Auf jeden Fall ist das Getränk immer wieder einen Versuch wert.

Auf dem Weg zurück schauen wir uns noch zwei Tempel an. Bei einem der zwei führte hinten eine Treppe hoch, und von diesem kleinen Dach aus hatte man eine schöne Aussicht über die eine Seite von Udaipur.

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Viele Treppen führen zum Tempel hinauf.

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Bevor es noch weitere Treppen hinaufgeht, hat Lara ein paar lustige Kids abgelichtet.

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Laura sitzt auf dem Dach hinter dem Tempel und guckt sich die Aussicht an.

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Lara will das schöne Licht einfangen, während wir dabei sind, die Treppen des Daches hinter dem Tempel wieder hinunterzusteigen. Laura guckt dumm aus der Wäsche.

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Zwei Eichstreifs im Alltagstrott.

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Die Tempelteppen von oben.

Im Anschluss bringe ich mit Louise unsere Hosen zum Schneider, weil alle im Schritt gerissen sind [„Non Ma’am, this is good Indian quality!“] und während unseres weiteren Rumlaufens durch das Auf und Ab Udaipurs treffen wir auf einen Shopbesitzer, der uns fragt, ob wir da etwa gerade Deutsch sprechen. Wir bejahen und er sagt: „Kommt in meinen Shop und wir reden ein bisschen Deutsch.“ – Auf Deutsch!

Er erzählt also ein wenig; sein Bruder sei in München und betreibe da ein Geschäft, und er wohne schon seit ein paar Jahren in Deutschland und arbeite dort mit seinem Brunder. Zurzeit sei er nur zu Besuch in der Heimat, Udaipur. Wir erzählen, dass wir am Abend Spaghetti kochen wollen, und er zeigt uns noch einen Laden, wo wir die langen, geliebten, (selbst für deutsche Verhältnisse) viel zu teuren Nudeln kaufen können. Wir verbleiben so, verabschieden uns und lachen uns noch jetzt ins Fäustchen, weil er uns auf einen Chai eingeladen hat, um ein bisschen Deutsch zu sprechen.

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Nicht weit von den Tempeltreppen entfernt saß diese nette Gemüsefrau, die uns grüne Mango angeboten hat. „Unreife Mango?“, mag so mancher da fragen. „Ja!“, sage ich, das essen viele hier gerne mit Masala-Gewürz besprenkelt oder machen Pickle daraus [eingelegte Mangos, sehr scharf, die man zu Reisgerichten dazuessen kann – schmeckt allerdings so, wie Nagellackentferner riecht, ich mag es nicht gerne]. So, ohne alles, esse ich grüne Mango aber manchmal ganz gerne, es ist ein bisschen wie saures Haribo, nur eben als frisches Obst.

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Viele Verkäufer benutzen solch eine Waage, die auf dem Foto leider etwas abgeschnitten ist, um die Ware zu wiegen. Auf dem Foto sieht man außerdem die Tomaten, die wir für die Spaghetti benutzt haben.

Wir benutzen die Mitarbeiterküche des Moustache Hostels, ein länglicher, ranziger Raum mit so wenig Ausstattung, dass wir Schwierigkeiten haben, die Tomaten, Zwiebeln und den Knoblauch zu schnibbeln. Einer der Leute vom Hostel schaltet indische Musik an, und wir sind zu fünft in diesem viel zu kleinen Raum mit einem Stuhl und diesem kniehohen Tisch, auf dem der Gasherd steht. Hinten an der Wand stapeln sich alte Kissen und Matratzen und wir tanzen zu der Musik, während die Nudeln vor sich hinkochen. Da es uns an einem Sieb und einem Waschbecken zum Abgießen fehlt, picken wir mit zwei Löffeln alle Schwimmnudeln aus dem heißen Wasser. Da der Weg mit dem dicken Topf bis zum nächsten Abfluss zu weit ist, kippen wir das Nudelwasser einfach aus dem Fenster, als Hitzeschutz für die Hände dient ein altes Kopfkissen. Unten in der nächtlichen Gasse liegen ein paar einsame Nudeln, und wir fragen uns, ob sich jemand fragen wird, wie diese wohl dorthin gekommen sind.

Erheitert essen wir unser gekochtes Mahl im Gemeinschaftsraum, von Alutellern mit den Fingern, weil es nur eine Gabel und zwei Löffel gibt. Es war ein tolles Abendessen.

Unseren letzten Tag nutzen wir dazu, den Monsoon Palace anzuschauen, der etwas außerhalb liegt. Wir nehmen eine Rikscha zum Eingang und fahren mit einem Sammel-Jeep den Berg hinauf. Dort oben war es sehr schön.

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Und ein weiteres Mal ein bisschen Aussicht – ach, das wird doch auch niemals langweilig!

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Ein Farbenspiel von Evas Kurta, flatternd im Wind, und dem Baum, der trotz der Hitze blüht wie sonst was.

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Der Monsoon Palace in seiner stolzen Pracht.

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Eines der Fenster mitsamt zwei Fensterbanksitzerinnen im Innern des Monsoon Palaces.

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Von oben auf eine Frau hinunterfotografiert, die gerade für eine andere Kamera modelt. Wir sind ihr und ihrer Fotocrew noch begegnet und haben uns über den eigenartigen Anblick gewundert. Obwohl der Ort sehr gut gewählt ist, wenn man schicke Fotos machen möchte, das muss man der Crew schon lassen!

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Da oben wurde gerade ein bisschen renoviert – da winkt ein freuiger Mann bei der Arbeit.

Wir finden eine magere Katze, die sich hat streicheln lassen [besonders Lara hat sich darüber sehr gefreut]. Wir haben sogar überlegt, sie mit runter zu nehmen, weil die Gute dort oben, so dünn wie sie ausschaut, ja kein Essen finden kann. Die Katze war so krank, dass sie auf ihren kleinen Tapsern eingeknickt ist und nicht anständig laufen konnte. Es stellte sich heraus, dass da oben auf dem Berge ein Mann gewohnt hat, dem die Katze gehörte.

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Eine wahrlich liebe Katze.

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Zum Katzenausgleich noch ein Welpen-Foto [ab welchem Alter sind Welpen Hunde?], der sich im Hauseingang einer Straße zusammengekuschelt hat. Er sieht so traurig aus.

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Auf dem Weg vom Monsoon Palace fort kamen wir bei diesem Mann vorbei, der Grabinschriften macht. Sowas habe ich noch nie gesehen, und obwohl der Mann unvorteilhaft guckt, wollte ich das Bild trotzdem teilen.

Im Anschluss waren wir in einem Café, dessen Werbung im Moustache Hostel aushing, es hieß Sheroes. Das Café befand sich in einem Einkaufszentrum, und als wir reinkamen, war da gerade irgendeine Verantstaltung. Wir warten also etwa zweiundzwanzig einhalb Minuten, bis die Veranstaltung ihr Ende findet und wir Essen bestellen.

In dem Café arbeiten ausschließlich Frauen, die Säureattacken erleben mussten. Daher auch der Name: She – Sie, Heroes – Helden. Bestimmt hat manch einer schonmal davon gehört, dass, oft muslimische Frauen meist im Gesicht, mit Säure attackiert werden. Das passiert zum Beispiel, wenn Frauen es wagen, ihren Ehemann zu verlassen, oder aber auch die Mitgift, die man zu einer Ehe beisteuern muss, nicht ausreichend ist. Es gibt noch viele weiter Auslöser, wie Streit innerhalb der Familie oder Eifersucht.

Durch das Café, welches auch in Agra einen Ableger hat, finden die Betroffenen eine Arbeit und einen Weg zurück in die Gesellschaft. Im hinteren Teil des Cafés war eine große Tafel, auf die Besucher ihre Gedanken schreiben konnten.

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Das Tshirt was sie anhat war die Uniform dort. Unter dem Bild stand noch ein schlauer Spruch, der aber auf keinem der Bilder richtig zu sehen ist.

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Ich fand es sehr schön, dass jemand die Idee hatte, so etwas ins Leben zu rufen – ein schöner Ort.

Am Abend schließlich haben wir den siebzehnstündigen Zug nach Mumbai genommen, eine lange und heiße Reise.

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Die Bilder wurden von der begabten Lara(akka) geschossen und bereitgestellt, die auf instagram unter dem Namen laravalentinax zu finden, und der dort auch gerne zu Folgen ist.

Jaisalmer, clean India!

Jaisalmer ist jene Stadt, die man besucht, wenn man eine Wüstentour auf Kamelen

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Aus der Entfernung –

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Brotgemache am Straßenrestaurant, was ich nicht im Text erwähne.

machen möchte. Sie ist in der Wüste Thar, und mit einer weiteren, nächtlichen Busfahrt kamen wir dort am Morgen an. Wir checkten ein in das Helsinki Hotel, was am Ende einer Straße lag, in Stille, nach einer Straße mit viel Nichts. Außerdem wurde das Helsinki Hostel umbenannt, sodass bei uns eine kleine, große Verwirrung herrschte. Wir treten ein in eine Eingangshalle, die gerade stark im Umbau steckt. Wir werden begrüßt von Maru, dem zweiundzwanzigjährigen Inhaber des Hotels. Sein Bruder hat es aufgebaut, ist jetzt aber erfolgreich in Helsinki [daher der Name], deshalb hat er das Hotel übernommen. Das Helsinki Hotel hat drei Sterne und wird jetzt bald zu einem Zostel [was wie auch das Stops eine Hotelkette ist], so haben wir es auch aus Versehen im Internet gefunden. Zu einem Spottpreis von circa 190 Rupien pro Person bekommen wir ein Sechserzimmer mit Klimaanlage. Es war Nebensaison und gerade waren eben jene Umbauten am Werk, die ich schon erwähnt hatte.

Maru meinte, dass sie das Zimmer, welches wir bezogen haben, noch herrichten müssten. Bei der Ankunft war es von innen verriegelt, wir hören Leute, die drinnen herumwuseln. Nach unserer Vermutung haben die Arbeiter, die dort herumwerkelten, in dem Zimmer geschlafen. Im angeschlossenen Badezimmer fanden wir noch Aschekrümel neben dem Waschbecken.

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eine müde Eva und ein eigenartiger Maru

Das Fazit: Ein sich im Umbau befindendes drei Sterne Hotel ist ein eigenartiger Ort, um dort zu übernachten. Nunja.

Wir waren die einzigen Gäste dort, und bei einem Chai, für die der Helfer aus der Küche extra noch Milch gekauft hat, sitzen wir auf der überdachten Dachterrasse und quatschen ein wenig.

Von irgendwo unten hören wir ein Lied spielen, was uns gut gefällt. Als wir Maru danach fragen, erzählt er uns, dass dies das Lied ist, was die Müllabfuhr bei ihrer Mülleinholerei spielt, um den Leuten mitzuteilen, dass sie ihren Müll rausstellen sollen. Das Lied heißt „Swatchh Bharat“ und ich empfehle ein Reinhören bei Youtube. Es erinnert mich an Jaisalmer, unsere Wüstentour und auch wie wir da auf dem Dach saßen. Über Maru buchen wir auch unsere Kamelsafari, die mit 1200 Rupien pro Person gut im Rahmen liegt. Wir essen schlechtes Porridge (für welches der Küchenjunge auch noch einmal los musste) und Maru fragt uns, wie sie das Porridge verbessern könnten. Es ist etwas eigenartig, dass der Hotelmanager, wenn man ihn so nennen kann, uns so etwas fragt, aber gut.

Später des Tages ziehen wir los und schauen uns, wieder einmal, den [oder das?] Fort von Jaisalmer an. Wir denken noch etwas über Maru nach, der, so stellen wir fest, für seinen Job dort ziemlich unerfahren, gar stümperhaft ist. Über die wenige Zeit, die wir im Helsinki Hotel verbracht haben, ist er uns dann mehr und mehr unsympathisch geworden. Er meinte, uns nach Aussehen kategorisieren zu müssen und hat ständig irgendwelche unangemessenen Kommentare fallengelassen. Letzten Endes waren wir froh, mit ihm nichts mehr zutun haben zu müssen – der gute, erste Endruck [nämlich der eines glückhabenden, jungen Herrens, der bei einem Chai auf der Dachterrasse von seinem großen Bruder erzählt] kann leider manchmal täuschen.

Zurück zum Fort, welches auf seine Weise das beeindruckendste Fort von den Dreien war. Es handelt sich diesmal nicht nur um ein „Verteidigungsschloss“, sondern um eine Anlage, wo auch viele Menschen wohnen. Wir sind ein wenig durch die Gassen dort oben geschlendert und haben in einem Café mit Ausblick über Jaisalmer Mangosaft getrunken.

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Diese Männer müssen ein fort-zügliches Gespräch führen, wie sie dort mit verschränkten Händen oder Beinen oder beides sitzen.

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Die Aussicht

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Herrmann Hesse wäre sicher happy, wenn er das gesehen hätte. Ich stelle Herrmann Hesse dar [ich kenne Herrmann Hesse gar nicht wirklich].

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„Dog take shower“ – disclaimer: Mehr dazu in meinem irgendwann kommenden Blogeintrag über witzige Sprüche, die Inder zu uns gesagt haben. „Dog take shower“ – Hund macht Dusche – war einer davon. Und ja, er sieht glücklich aus in diesem Bad aus kühlem Nass. Wir saßen daneben und aßen Eis.

Im Anschluss haben wir uns mit einem guten Lassi wieder runtergekühlt und sind mit Essen zurück ins Hotel gestapft. Das Essen hat nicht alle satt gemacht, und so fand ich mich zu später Stunde mit dem Küchenjungen, der des Englischs nicht mächtig ist, in der Küche auf der Dachterrasse wieder, um noch ein paar Sandwiches zuzubereiten.

Die Küche, die vom Glühbirnenlicht nur schwach beleuchtet war, stellte sich als völlig verdrecktes, von Ameisen erobertes Paradies heraus. In dem stinkenden Kühlschrank finden sich ein in Plastik verpacktes Stück Käse was noch gut aussieht, und eine angeschnittene Gurke. Mir scheint es, als habe der Küchenjunge genauso wenig Ahnung wie ich über das Inventar der Küche, und so bereiten wir in lächelnd-schweigender Übereinkunft ein paar Sandwiches zu, die dann sogar sehr gut geschmeckt haben.

Nach einer guten Nacht, in einem kühlen Zimmer mit einem weichen Bett und netten Kopfkissen haben wir gut (auswärts) gefrühstückt, um dann auch schon von einem Van aus der Stadt herausgefahren zu werden.

Einmal noch wird der alte Mann am Steuer langsamer und fragt uns, ob wir etwas Alkohol kaufen wollen, denn auf dem Weg, den wir vor uns haben, ist das der letzte Alkoholladen. Wir verneinen und fahren weiter, rund 60 Kilometer hinaus aus der Stadt. Die Häuserlandschaft wird karger, wir bekommen stattdessen mehr Sand und Grün zu sehen – denn obwohl die Wüste Thar eine waschechte Wüste ist, gibt es dort Einiges an grünem Gewächs. Sie besteht nicht, wie es in meinem Kopf aussah, aus einem Meer von gesiebtem Sand und Dünen und Hügeln und so kleinen Sandbänken die aussehen wie die Stirn, wenn man sie in Falten legt.

Wir sehen schon von Weitem den Platz, an dem die fünf Kamele und die zwei Kameltreiber auf uns warten. Halt, fünf Kamele und zwei Kameltreiber? Heißt das, dass die Kameltreiber keine eigenen Kamele haben?
Ja, das hieß es tatsächlich. Der Vanfahrer verabschiedet sich bis Morgen, wo er uns zum abgesprochenen Zeitpunkt wieder abholen wird, und die Kameltreiber erklären, dass sie die Strecke zu Fuß laufen würden, es sei nicht sonderlich weit.

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Der Kamelführer mit der blauen Kurta und ein Schwung an Kamelen.

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Eins der Kamele hieß Paula, den Rest der Namen haben wir vergessen. Paula und [das andere Kamel] freunden sich an.

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Julia und ein Kamelpopo. Rechts ein Feld.

Wir machen uns mit den Kamelen vertraut, schießen schon ein paar Kamel-Selfies und streicheln das zottlige Fell, was gar nicht weich ist, während unsere beiden Führer die Kamele mit Decken und allerlei Zeugs beladen. Dann heißt es schon: aufsetzen. Wenn ich meiner Erinnerung trauen kann, waren Julia und ich die ersten, die die Kamele besteigen mussten. Der Führer mit der langen, blauen Baumwollkurta kann besser Englisch als der Zweite, Türkisfarbengekleidete, und so erklärt er mir: Halte dich da vorne an dem Sattelknüppel fest und lehn dich nach hinten, den Rest macht das Kamel. Und er gibt irgendein Zeichen, sodass das zuvor ruhende Kamel sich hochschwingt, mit einem großen Ruck auf die Knie, mit einem weiteren in den vollen Stand. Und fertig ist das Mondgesicht, ich strahle auf dem knubbligen Rücken eines Kamels.

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Louise und ich im Wüstenmodus, mit Kopfbedeckung, Sonnenbrille und heller, langer, luftiger Kleidung. Am Besten macht man sich die Kleidung so luftig wie es nur geht. Wind tut immer gut.

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Laras Hand am Sattelknüppel, auf Laras Hand ein verblassendes Mehindi [Das Muster, was man mit Henna-Farbe macht] aus dem City Palace in Jaipur.

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Die Farbe des Himmels ist da sehr schön. Es geht hoch. Wenn die Kamele irgendwo runtergehen mussten, hat es immer sehr stark gerumpelt und man hatte das Gefühl, gleich hinunterzupurzeln. Es war trotzdem sehr lustig.

Die anderen kommen auch hoch, und los geht die Reise. Jeder bekommt den Strick des Vorder- beziehungsweise Hinterkamels in die Hand oder um den Halteknüppel gewickelt und die Karawane trappt langsam voran – die beiden Führer halten zu Fuß locker mit. Eine Sache, die uns alle etwas abgeschreckt hat, war die Art der Befestigung für den Strick, an dem man das Kamel milde gesagt herumführen kann. Durch das Septum der Kamelnase nämlich wird ein Holzstab gepierced, und an beiden Enden wird ein Strickende befestigt. Das wird scheinbar schon lange so bei Kamelen gemacht. Bei Julias Kamel hatte sich diese Stelle an der Nasenwand entzündet, sodass das gute Kamel Schmerzen hatte, deshalb Mucken gemacht hat und als Strafe durchs Zerren der stetig weiterlaufenden Karawane weitere Schmerzen ertragen musste. Ein Entzündungkamelsteufelkreis.

Die Zeit ist schwer einzuschätzen, aber nach etwa einer Dreiviertelstunde machen wir halt und steigen ab, die Nachmittagssonne senkt sich schon zum Horizont. Die Führer laden das Gepäck von den Kamelen, bereiten eine Kochstelle aus herumliegenden Hölzern und machen uns in einem mitgebrachten Topf Chai. In der Zwischenzeit tollen wir im Sand herum, springen von Dünen und Louise und ich machen ein Wettrennen, wer zuerst oben ist.

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Der Junge, der die kalte Kola brachte. Im Hintergrund ein komisch fallender Schatten eines Kamels. How, physics, how?!

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Wir sitzen auf Decken, außer Lara, die schießt das Foto. Zu unseren Füßen: Die Tasche mit den Kolaflaschen et cetera.

Der Sand macht uns allen Spaß und wir genießen es, in dieser neuen Umgebung zu sein. Später, während wir auf einer der Decken sitzen, kommt ein Junge vorbei, mit einer großen Plastiktüte und bringt kalte Getränke, die er extra bis hierher geschleppt hat. Für eine kleine Cola, die in Amritsar 10 Rupien gekostet hat, verlangt er 50. Ich wundere mich, wie der Junge von dem Standort unserer kleinen, siebenköpfigen Gruppe wusste. Später verschwindet er wieder, um ein paar kleine Colaflasche erleichert.

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Louise auf der Düne.

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Wir gucken uns die Sonne an, als würden wir sie nicht jeden Tag sehen. Außer Lara, die guckt in die Kamera.

Wir essen zu Abend Chapatti, Dhal und Reis, wenn ich das richtig im Kopf habe, und gehen auch schon schnell danach schlafen. Während des Essens reden wir eine Weile mit dem blaugekurtaten Führer. Er erzählt uns einiges aus seinem Leben, dass er mit den Touristenführungen ganz gut verdient, wenn denn auch Saison ist und Leute kommen, und dass sein Wunsch ist, irgendwann neben der Schulfinanzierung für seine Kinder auch ein eigenes Kamel kaufen könnte. Von seinem Chef bekommt er einen Teil des Geldes, aber von den 1200 Rupien, die wir pro Kopf für diesen Tag bezahlen, bekommt er selbst wahrscheinlich nicht sonderlich viel zu sehen. Außerdem kamen wir gerade zu Beginn der Nebensaison – ich habe ja schon oft genug die immer begleitende Hitze erwähnt, die uns dort in Rajasthan heimsuchte. Das wirkt sich natürlich schlecht auf die Kontinuität der Touristenkamelsafaris aus.

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ein knallhartes Wettrennen um die Ehre der Düne:

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Louise gewinnt. Ich gebe auf und rolle im Sand.

Ich fand es sehr interessant, etwas aus seinem Leben zu hören, was so anders ist als eins bei uns zu Hause in Germanien. Ich musste schmunzeln bei der Erwähnung, dass der Kamelkauf ein großer Wunsch ist, weil sich das für deutsche Verhältnisse einfach so absurd anhört, dass man es vielleicht gar nicht glauben kann. Dass so ein Kamel ein Grundeinkommen sichern kann – verrückt.

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its always time for a chai. Louises Hand, gezeichnet von Mehindi und einem Pooja-Bändchen greift nach dem vorletzten Becher.

Neben der Geschichte von unserem Kamelmann haben auch die Kamele selbst ein Platz in meinem Herzen gewonnen.

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Der Blaukurtamann macht Essen. Oder Chai, ich weiß nicht, was in dem Topf befindet, aber jetzt gerade, so ich dieses Bild so anschaue, habe ich fast das Gefühl, wieder dort in der Wüste zu sein. Es ist, als würde das Feuer flammen werfen und der Rauch wabern.

Erst einmal zu der verbrachten Nacht in der Wüste: Wir haben einige Decken nebeneinander ausgebreitet, oben an einer Düne, weil da der Wind nicht so schlimm sei, und dann mit weiteren Decken alle in einer Reihe gepennt. Eva und ich hatten noch einen nächtlichen, erheiternden Dünenpiss – was ich als Neologismus hier jetzt mal so stehen lasse – und dann fielen uns auch schon die vielen Augen zu, zwischen den vielen vielen Sandkörnern, die uns in die vielen zugefallenen Augen fielen. Ein bisschen schauen wir uns die Sterne an, die [so muss ich leider zugeben] nicht zahlreicher waren als im tiefen Thüringen. Einen Mond hatten wir auch. Und viele Sandkörner, überall.

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Laras guide on how to use Sonnencreme. like that only!

Morgens waren unsere Decken so sandbedeckt, dass man nur noch die hochstehenden Falten und Unebenheiten ausmachen konnte, ansonsten wurde unser Lager so ziemlich dem Sandboden gleichgemacht. Wir schütteln uns den Sand aus dem Haar, frühstücken schon sehr früh des Morgens und machen uns auf den Rückweg, diesmal abgekürzt und fast nur geradeaus, zurück zu dem Platz, wo uns der Van rausgelassen hat. Der Rückweg hatte also nur knapp eine halbe Stunde gedauert, als wir schon wieder absteigen und beginnen, uns von den Kamelen zu verabschieden. Es waren nette Kumpanen, die lieb und lustig sind, kabbelige Knubbelknie und lustige Lippen haben. Ich kann mir gut vorstellen, auch eine längere Reise auf Kamelen zu machen. Es ist Wahnsinn, wie große Lasten so ein Tier tragen kann, wie widerstandsfähig und robust so Kamele sind. Tolle Tiere, solange sie nicht vor entzündetem Septum aufheulen.

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der Rückweg

Wir verabschieden uns von den beiden Kamelführern und fahren mit dem Van zurück zum Helsinki Hotel, wo wir duschen, Sachen packen und dann zum Bus fahren, der uns in die nächste Stadt bringt: Udaipur, die Stadt der Seen.

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unsere Busfahrt, die war lustig, unsre Busfahrt, die war schön!


Die Bilder wurden von der begabten Lara(akka) geschossen und bereitgestellt, die auf instagram unter dem Namen laravalentinax zu finden, und der dort auch gerne zu Folgen ist.

Jodhpur, die Stadt ist b l a u.

Für Jodhpur haben wir uns schon im Stops Hostel eingemietet. Das ist eine Kette, und meine Mitfreiwilligengruppe hat in einer anderen Stadt schon darin residiert. Es ist das teuerste von allen auf der Reise, und das, obwohl wir in einem Zehnerzimmer sind. Aber: Es gibt eine Klimaanlage. Und wir dachten uns hey, jetzt gönnen wir uns mal. Bei der Ankunft haben sie uns dann jedoch in ein Sechserzimmer gesteckt, was sehr nett war. Die Leute, die dort gearbeitet haben, waren generell sehr hilfsbereit – an unserem Ankunftstag haben wir nach ein paar Stunden nachgeholtem Schlaf sehr lange in einem Café gefrühstückt – die hatten sogar eine Gitarre dort.

Bei dem Rückweg zum Stops gehen wir durch die blaue Stadt, und hier wird der Name auch viel mehr der Realität gerecht, als es in Jaipur der Fall war: Ein schönes Blau. Im Gemeinschaftsbereich, als wir zurückgekehrt waren, wurde ein Film namens „Devdas“ gezeigt, ein Klassiker, so sagten sie uns. Und was man halt so bei klassischen Filmen macht, fragt sich der Leser? Keine Frage, die große Fläche voll von Kissen und dünnen Matratzen, die wir dazu genutzt haben, einzuschlafen.

Zum Sonnenuntergang sind wir mit dem Besitzer des Stops einen Berg hochgefahren, von dem man einen schönen Blick auf das Fort und die Blaue Stadt hatte. Sehr schön, da oben sind schöne Fotos entstanden.

 

Auf dem Rückweg haben wir noch ein bisschen Lebensmittel geshopped, um dann in der Küche unterm Dach Pfannekuchen zu backen. Es war sehr erfolgreich und lecker. Wir haben sie mit Schokolade, Mango oder Zucker gefüllt und hatten ein gutdeutsches, angeindischtes Abendessen, woran man sich den Bauch mit Köstlichkeit vollhauen konnte.

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ich bins, ein Pfannkuchengesicht.

Im Anschluss haben wir Jenga gespielt, und auf manchen der Steine standen solch Fragen wie bei Wahrheit oder Pflicht, was sich allerdings als äußerst lustig herausgestellt hat. Wir hatten eine Menge Spaß an dem Abend, der dann auch schnell danach endete.

 

Am nächsten Morgen haben wir das all-you-can-eat-Frühstück genossen, das im Zimmerpreis mitenthalten ist. Das Manko an der Sache ist: Frühstück gibt es nur von acht bis zehn Uhr, sodass wir gezungen sind, um neun Uhr dreißig aufzustehen.

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eine der vielen Gassen in Jodhpur.

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Portrait einer Frau, die aus der Gasse kam.

Später am Tag waren wir beim Markt von Jodhpur, der schon ein wenig mit dem in Mysore zu vergleichen ist. Wir haben Gewürze gekauft, bei einem berühmten Gewürz-und-Tee-Laden, der im lonely planet ausgeschrieben stand. Davon haben wir uns „reinlegen lassen“ und sind einem Mann, der ein paar Meter vorher seinen Laden hatte, hineingefolgt. Im Reiseführer stand schon, dass es viele gibt, die sich als jener toller Gewürzladen ausgeben – ich fand diesen fake-Verkäufer allerdings auch sehr nett und empfand das gar nicht als Hereinlegerei oder sonstiges. Wir haben viele Teesorten geschlürft und den Schwestern hier zu Hause [in Mysore, haha, nichts für dich, Lisa] Pfefferminz-Eukalyptus-Tee mitgebracht.

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wir posieren mit Tee.

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der Tee posiert für uns.

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die Verkäuferin posiert für Laras Kamera.

Nach dem Abendessen saßen wir noch ein wenig auf der Dachterrasse, haben die Beine aus der Hängematte herausbaumeln lassen und ein wenig gequatscht.

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Garn.

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Kids vor der Wandfarbe ihrer Stadt.

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Ein Hund auf einem abendlichen Autodach. Wir haben dort oft Chapatti oder anderes Essen rumliegen, für die Straßenhunde. Wieso gibt es diese nette Hunde-Gemeinschaft nicht auch bei uns in Mysore?

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Der Mann befeuert unseren Reis – es war sehr lecker.

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Ziegenstall unter einem Wohnhaus.

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Goat showing how to eat like a real goat. Oh my goat this is hilarious.

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Bewacht sie den Gemüsestand ihrer Familie?

An unserem letzten Tag haben wir uns das Fort noch aus der Nähe angesehen, aber die Hitze hat uns alle so träge gemacht, dass wir viel Zeit nur damit verbracht haben, unter einem Baum im Schatten zu sitzen und tradtitioneller Straßenmusik zuzuhören. Die Frau hatte eine wunderschöne Stimme, der Mann spielte solch ein Streichinstrument, und wenn wordpress es zulassen würde, würde ich ein Video hochladen. Wir haben uns einen Tempel angeguckt, der noch innerhalb der Fort-Anlage war. Dies hat sich als ziemlicher Krampf herausgestellt, da man, wohlweislich, die Schuhe vorher ausziehen muss und dann bei brennender Mittagssonne einiges an Stufen runterlaufen müssen. Und während die alten, hornhautbeseelten Seelen langsam am Geländer hinunterschleichen, fühlt man sich wie Mister Bean in der Szene, wo er im Treppenhaus nicht an der alten Frau vorbeikommt. Nur, dass der Boden aus Lava ist [und diesmal wirklich, und nicht wie im Manali-Wald aus Moos und Regen und Steinen besteht].

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das Fort von unten und außen. Man konnte für Geld auch rein, aber das haben wir uns mal gespart.

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Begabte Musikmacher. Im Hintergrund:  Julia, Laura und jemand, der ein Foto wollte. Nachdem ich akzeptierte, kamen noch viele Weitere, die nach Fotos gefragt haben. Wir sind geflüchtet.

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Aufstieg und Aussicht.

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Gruppenfoto ohne Lara auf einer süßen Treppe

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Blau im Nachmittagslicht.

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Nachmittagslicht im Blau.

Als wir fertig mit unseren Nerven fürs Fort waren, sind wir durch ein anderes Tor durch die blaue Stadt gegangen, wo wirklich fast jedes Haus blau war. Laut Wikipediaartikel soll die blaue Farbe die Mücken weghalten. Der Abend hielt Einzug, und wir verabschieden uns von dem Markt, dem Stops, den blauen Häuslein und stiegen in den Zug in die nächste Stadt vom Wüstenstaat: Jaisalmer.


Diese und folgende Bilder aus den nächsten Orten wurden von der begabten Lara(akka) geschossen und bereitgestellt, die auf instagram unter dem Namen laravalentinax zu finden, und der dort auch gerne zu Folgen ist.